December 27, 2016

Schriftsteller im Gespräch

Schriftsteller im Gespräch: Abbas Maroufi

DW

Seit 20 Jahren lebt er im Exil in Deutschland. Der 1957 in Teheran geborene Schriftsteller betreibt in Berlin eine Buchhandlung. Nach Geschäftsschluss schreibt er Romane. Sein neuester liegt jetzt auf Deutsch vor.


Deutschland iranischer Autor Abbas Maroufi (Sepehr Atefi)

 

Er hat ihn schon vor über zehn Jahren geschrieben, doch erst jetzt ist der Roman ins Deutsche übersetzt worden. "Fereydun hatte drei Söhne" erschien 2005 im eigenen Verlag "Gardoon" in Deutschland - allerdings nur in Persisch. Also in der Sprache, mit der Abbas Maroufi aufgewachsen ist und in der er auch heute noch seine Romane, Kurzgeschichten und Essays zu Papier bringt. "Fereydun hatte drei Söhne" erzählt von einer Familie, die 1979 in die Revolutionswirren nach dem Schah-Sturz und der Machtergreifung der Mullahs hineingezogen wird.

Seit dem aktuellen politischen Umbruch in der Türkei schaut man hierzulande wieder verstärkt auf Schriftsteller, die in ihrer jeweiligen Heimat nicht mehr publizieren können und in Deutschland im Exil leben. Can Dündar ist der derzeit bekannteste Exil-Autor in Deutschland. 

Vergessen wird dabei manchmal, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus anderen Kulturkreisen schon lange bei uns leben. Sie stehen meist aber nicht mehr so stark im Lichte der Öffentlichkeit. Wie eben Abbas Maroufi aus dem Iran. Dabei galt Maroufi schon in seiner Heimat als einer der bekanntesten Autoren seines Landes.

Maroufi: "Ich musste alles lernen"

Deutsche Welle: Derzeit wird ja in Deutschland vor dem Hintergrund der Lage in der Türkei viel über Schriftsteller im Exil gesprochen. Wie ist das mit Ihnen? Ihr neuer Roman ist gerade in Deutsch erschienen. Sie leben ja jetzt schon lange in Deutschland. Wie war das damals für Sie?

Ich bin jetzt 20 Jahre in Deutschland, ich war damals der erste iranische Schriftsteller im Heinrich-Böll-Haus. Diese Einrichtung hat ja eine große Erfahrung im Umgang mit Exil-Schriftstellern. Ich hatte vier Prozesse im Iran hinter mir, wurde zu Peitschenhieben, Gefängnis und einem zweijährigen Publikationsverbot verurteilt. Dann hatte ich die große Chance zur Ausreise, hatte viele Einladungen bekommen, von Günter Grass, von der Buchmesse, von verschiedenen Organisationen. Ich konnte mit dem deutschen Botschafter nach Deutschland kommen. Ich musste eine neue Sprache lernen, mich um Dinge wie einen neuen Führerschein kümmern. Ich beherrschte nicht viel mehr Wörter als "Ich", "Du" oder "Straße". Ich musste erst alles lernen. Das war eine große Erfahrung.


Deutschland iranischer Autor Abbas Maroufi (DW/J. Kürten)

Abbas Maroufi vor kurzem bei der Frankfurter Buchmesse

Aber es war ja nicht nur die Sprache, eine ganz neue Kultur musste erschlossen werden…

Ja, ich musste in Deutschland die "europäische Moral" kennenlernen, ich musste das alles vergleichen mit den Erfahrungen aus meinem Heimatland: Was hatte ich in Iran? Was kann ich hier neues finden? Ich hatte ja auch drei Töchter und eine große Familie, um die ich mich kümmern musste, ich musste arbeiten. Das war damals ein vollkommen neues Leben. In Iran war ich großem Druck ausgesetzt durch den Geheimdienst und durch Pasdaran (die iranischen Revolutionsgarden). 

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich damals sehr bemüht, eine Arbeit zu bekommen, ich wollte nicht vom Geld des Sozialamtes leben, habe dann auch nur zwei bis drei Monate Hilfe von dort bezogen. Die Frau von Heinrich Böll, Annemarie Böll, hat zu mir gesagt: "Herr Maroufi, Sie sind doch sehr mobil, wollen Sie nicht für uns arbeiten?" Ich habe dann ein Jahr im Heinrich-Böll-Haus in Düren gearbeitet, musste Lesungen und Ausstellungen organisieren, habe mich auch um die Arztbesuche von anderen Gästen des Hauses gekümmert. Das war ein sehr wichtiges Jahr damals für mich. Es war auch ein Jahr, in dem ich viel Zeit zum Nachdenken hatte: Ich musste mich völlig neu orientieren, musste schauen, was aus meinem Leben wird. Ich hab dann einen Job in Wandlitz bei Berlin in einem Hotel gefunden, wo ich zwei Jahre im Nachtdienst gearbeitet habe von 9:00 Uhr Abends bis zum frühen Morgen.

Haben Sie damals wieder angefangen zu schreiben?

Damals dachte ich, dass ich im Hotel gut lesen und schreiben könnte. Aber ich habe dann zwei Jahre nicht mehr geschrieben. Dauernd klingelte das Telefon, ich musste mich um die Sauna im Hotel kümmern, um den Whirlpool, um die Küche. Nach diesen zwei Jahren habe ich dann in der Kant-Straße in Berlin eine Buchhandlung eröffnet ("Hedayat", Buchhandlung für persische und orientalische Literatur), die es jetzt seit 14 Jahren gibt. Ich habe einen Verlag gegründet, "Gardoon", für iranische Schriftsteller im Exil, auch für verbotene Bücher, für Romane und Short-Storys aus dem Iran, die dort nicht erscheinen konnten. Wenn Autoren nicht die Erlaubnis bekamen dort zu publizieren, konnten sie mir ihre Manuskripte schicken und ich habe die dann in Deutschland gedruckt. Ein Buch ist für mich wie ein Baum. Ich muss es hier "einpflanzen", eines Tages kann ich es dann vielleicht noch einmal einpflanzen, in die Erde im Iran.

Abbas Maroufi (Privat)

Abbas Maroufi in seiner Berliner Buchhandlung "Hedayat"

Sie sind jetzt seit 20 Jahren nicht mehr in Ihrer Heimat, Sie schreiben aber noch in Ihrer Muttersprache. Wie ist das Verhältnis zwischen Ihrer Muttersprache und dem Deutschen?

Normalerweise ist Farsi ja meine Muttersprache. Ich spreche jeden Tag Deutsch, aber auch Persisch. Ich schreibe auch in Persisch. Jede Nacht schreibe ich meine Romane, seit 40 Jahren.

Und Sie unterrichten auch…

Ich habe viele Studenten in Roman- und Short-Story-Kursen. Die kommen aus dem Iran, aus Afghanistan, Kanada, aus den USA, aus Deutschland, Nepal und den verschiedensten Ländern. Das mache ich dreimal pro Woche. Letztes Jahr hatte ich mit meinen 14 Assistenten 1830 Studenten, die kostenlos unterrichtet wurden in Online-Kursen in einem sogenannten "Massive Open Online Course" (offener Massen-Online-Kurs, kurz MOOC). Wir haben dort rund hundert gute, talentierte Autoren gefunden. Denen bringen wir die Techniken des Schreibens bei. Wir fragen sie: Wie hat ein Ernest Hemingway das gemacht? Wie hat Salinger geschrieben oder wie schreibt Philip Roth? Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Schriftstellern, Tschechow, Dostojewski, auch Heinrich Böll. Und auch ich kann meine Erfahrungen weitergeben.

Buchcover Fereydun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi (Edition Büchergilde)

Sie haben gesagt, ein Buch ist wie ein Baum, was meinen Sie damit genau?

Wir haben ein Sprichwort im Iran. Ein Mann, ein Schriftsteller, ein Mensch im Allgemeinen, ist wie ein Baum: Wenn er in ein anderes Land geht oder eine andere Erde betritt, dann bleibt er dort, schlägt also Wurzeln, oder er stirbt. Ich habe eigentlich immer gedacht, ein Mensch kann kein Baum sein, weil Bäume keine Füße haben und nicht spazieren gehen können.

  Aber dieses Sprichwort hat mich auf Folgendes gebracht: Ein Buch ist wie ein Baum! Wenn ein Buch also in Iran verboten ist, dann können wir es hier einpflanzen, veröffentlichen. Dann warten wir 30 oder 40 Jahre, und dann können wir es vielleicht nochmal einpflanzen in der Heimat. Große Literatur überlebt. - Schauen Sie, Shakespeares "Hamlet" kennt man heute noch. Viele Bücher hat man nach zwei bis drei Jahren vergessen. Aber wirklich gute Literatur überlebt viele Jahre.

Haben Sie da ein Beispiel aus Ihrer Heimat?

Unser großer Schriftsteller Sadeq Hedayat schrieb sein Buch "Die blinde Eule" (in Iran stehen Eulen für die Intellektuellen) in Indien in den 1930er Jahren. Er hat das mit der Hand geschrieben und hat 50 Exemplare als Steindruck herstellen lassen. In Iran war es während der Herrschaft von Reza Schah Palavi verboten und noch heute stößt das Buch in Iran auf Probleme, manchmal darf es gedruckt werden, manchmal nicht. Seine Veröffentlichung ist an die Bedingungen der Zensoren geknüpft. Aber in Iran hat heute jeder diese Eule.

 

Das Gespräch führte Jochen Kürten

Abbas Maroufi: Fereydun hatte drei Söhne, Verlag Edition Büchergilde, in der Reihe Weltlese: Band 17, 298 Seiten, ISBN 978 3 86406 071 7

 

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December 26, 2016

DAS PORTRÄT

Abbas Maroufi, Schriftsteller, Verleger und Buchhändler

Mo 19.12.16 06:10 | 04:55 min | Verfügbar bis 27.12.16 | kulturradio

Die Buchhandlung Hedayat in der Berliner Kantstraße ist die größte orientalische Buchhandlung Europas. Betrieben wird sie von dem iranischen Schriftsteller Abbas Maroufi. Von ihm selbst kennen wir beispielsweise "Fereydun hatte drei Söhne”. - Abbas Maroufi lebt in Berlin im Exil. Julia Riedhammer hat ihn besucht.

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Kantstraße


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December 25, 2016

"Am schlimmsten ist die Selbstzensur"

Interview mit dem iranischen Schriftsteller Abbas Maroufi

"Am schlimmsten ist die Selbstzensur"

Abbas Maroufi, 1957 in Teheran geboren, war einer der angesehensten Schriftsteller im Iran, als er 1996 seine Heimat in Richtung Deutschland verließ. Nur dank der Intervention des deutschen Schriftstellerverbandes PEN und der Fürsprache von Günter Grass gelang ihm die Ausreise. Mit Maroufi hat sich Volker Kaminski unterhalten.

n Ihrem Roman "Fereydun hatte drei Söhne" betrachtet Ihr Held Madjid geradezu zwanghaft alte Familienfotos, die ihn in seine Vergangenheit im Iran zurückführen. Geht es Ihnen selbst manchmal wie Madjid? Sie leben seit zwanzig Jahren in Deutschland – sind Sie noch oft mit Erinnerungen an den Iran beschäftigt?

Abbas Maroufi: Sehr oft kehren meine Erinnerungen zurück, und manchmal schreibe ich sie dann auf. Das kann sehr spontan geschehen: Ich sehe zum Beispiel jemanden am Fenster vorbeigehen und plötzlich erinnert mich diese Person an jemand von damals. Und aus dieser Erinnerung erwachsen weitere Einzelheiten – und diese verzweigen sich dann in hundert weitere Details. Manchmal geht es mir wie dem Ich-Erzähler in Prousts "Recherche", dem bekanntlich eine in Tee getränkte Madeleine das Tor zu seiner Vergangenheit öffnete. Bei mir sind es Farben, Töne oder ein bestimmter Geruch. Erinnerungen sind nie linear geordnet, und genauso ist es beim modernen Schreiben, das etwa im Unterschied zu Balzac oder Flaubert nicht mehr eine singuläre Erzähllinie besitzt, sondern mit Brüchen arbeitet. So erklärt sich auch mein eher assoziativer Erzählstil in meinem neuen Roman "Fereydun hatte drei Söhne".

Wie sehr spiegelt Ihr Roman Ihre damalige Situation wider, als Sie den Iran verlassen hatten? Ihr Held steht vor einem Scherbenhaufen, lebt als Asylant in einer Nervenheilanstalt und ist kurz gesagt ein seelisches Wrack. Doch gleichzeitig lässt ihn der Wunsch nach Rückkehr nicht los. War es bei Ihnen auch so, wollten Sie zurück in Ihre Heimat?

Maroufi: Heimat ist für einen Schriftsteller sehr wichtig, eine dauernde Quelle seines Schreibens, seiner täglichen Arbeit. Ich konnte aber nicht mehr zurück, da ich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt war. Ich kam nur durch Unterstützung von außen, mit Hilfe des PEN-Zentrums, bei dem ich Mitglied war, und durch den persönlichen Einsatz von Günter Grass aus dem Iran frei. Was Madjids Verfassung in meinem Roman angeht, so stellt sie durchaus etwas Typisches dar: Er hat nicht nur seine Heimat verloren, auch seine Arbeit, sein soziales Umfeld: Und so quälen ihn "schlechte Gedanken" - er wird depressiv, fühlt sich erniedrigt, nutzlos, oder er wird aggressiv gegenüber Mitbewohnern in der Heilanstalt. Nur wenn er seine tägliche Arbeit hat, geht es ihm gut.

Madjid erlebt die damalige Zeit der späten 1970er Jahre, die Phase des Umbruchs im Iran, der Schah wird gestürzt, die Islamische Revolution und die Rückkehr Khomeinis verändern alles im Land. Madjid und seine Brüder betätigen sich politisch und geraten mit der Regierung in Konflikt. Sie selbst wurden wegen "Beleidigung der islamischen Grundwerte" zu Peitschenhieben und Gefängnis verurteilt, was dann durch internationale Proteste nicht vollzogen wurde. Für welche politischen Ziele traten sie damals ein? Hatten Sie anfangs Sympathien für die Islamische Revolution?

Abbas Maroufi: "Fereydun hatte drei Söhne", Verlag Edition Büchergilde 2016

Der Roman "Fereydun hatte drei Söhne" schildert die Ereignisse während der Islamischen Revolution von 1979 und erzählt auch die Geschichte einer Familie: Gegen den Willen ihres Vaters politisieren sich in dem Roman alle vier Söhne der Familie Amani und werden zu Verfechtern verfeindeter Lager. Abbas Maroufi verdichtet das Geschehen zu einem beeindruckenden Porträt jener dramatischen Zeit. Der Roman wird zum Spiegel der Revolution.







Maroufi: Seit ich 19 Jahre alt war, war ich Mitglied des iranischen Schriftstellerverbands und arbeitete als Lehrer und Musikmanager. Ich habe mich nicht politisch betätigt, war gerade erst 21 Jahre alt, als der Schah gestürzt wurde. Später wurde mir die Leitung eines Symphonischen Orchesters untersagt und ich gründete die Zeitschrift "Gardoon" (zu deutsch "Himmelsleiter"). Fünf Jahr lang hatte ich um die Erlaubnis für das Erscheinen der Zeitschrift im Iran gekämpft, dann betrieb ich sie etwa sieben Jahre sehr erfolgreich, bis die Redaktionsräume durch die Regierung eines Tages geschlossen wurden und ich zusammen mit anderen Mitarbeitern wegen "Beleidigung der islamischen Grundwerte" angeklagt wurde. Doch ich hatte damals noch Glück, weil ich ausreisen durfte – andere hingegen haben mit ihrem Leben bezahlt.

Sie leben heute als Schriftsteller in Berlin. Haben Sie zu Ihren Schriftstellerkollegen im Iran noch regelmäßig Kontakt? Und was erzählen Ihnen Autoren aus dem Iran über die allgegenwärtige Zensur in der Islamischen Republik? Haben sie sich mit den drakonischen Zensurmaßnahmen arrangiert?

Maroufi: Ich stehe bis heute im regen Austausch mit Schriftstellern, Künstlern und Schauspielern aus dem Iran – teilweise über das Internet, aber auch in Form von persönlichen Treffen. Ich bekomme regelmäßig Besuch von Autoren und Künstlern, dann treffen wir uns in meiner Buchhandlung "Hedayat" in Berlin. Ich selbst kann immer noch nicht in den Iran reisen (das Urteil wurde bis heute nicht aufgehoben) und auch meine neuen Bücher dürfen dort noch immer nicht erscheinen. Doch umso mehr engagiere ich mich für den Verlag, in dem bis jetzt etwa 240 Bücher erschienen sind, überwiegend Bücher von "verbotenen" Autoren aus dem Iran.

Sie sind auch als Schreiblehrer und Universitätsdozent tätig. Woher kommen Ihre Studenten? Sind darunter auch Studenten aus dem Iran?

Maroufi: Ja, ich gebe regelmäßig Kurse und Workshops, hauptsächlich im Internet, und arbeite auch noch mit zwei Assistenten zusammen, die mir dabei behilflich sind. Meine Studenten kommen aber nicht nur aus dem Iran, es sind auch Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern wie Nepal, Kanada oder den USA dabei. Diese Arbeit bedeutet mir sehr viel, denn sie verbindet literarisches Wissen mit der eigenen Kreativität. Die staatliche Zensur ist nicht einmal das größte Übel für einen Schriftsteller, viel schlimmer ist die Selbstzensur, welche die eigene Kreativität behindert. Dies kann sich äußerst blockierend auf das Schreiben auswirken. Es ist wie ein "Stalin im Kopf". Dagegen versuche ich anzugehen und rate meinen Studenten: Schreiben Sie an gegen diese Selbstzensur, indem Sie zum Beispiel auf die Frage reagieren: Was ist Angst? Und dann lasse ich meine Studenten zugleich auch Fotos zu diesem Thema machen. Das ist eine sehr spannende Arbeit!

Das Interview führte Volker Kaminski.

© Qantara.de 2016


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December 24, 2016

Die Revolution frisst ihre Kinder

Iranischer Autor Abbas Maroufi
Die Revolution frisst ihre Kinder

Der im Exil lebende iranische Autor Abbas Maroufi schlägt eine besonders dunkle Seite der Geschichte auf. In gewagten Zeitsprüngen schildert er die iranische Revolution und ihren blutigen Nachgang.
Teile des Romans spielen in der Zeit der iranischen Revolution unter Revolutionsführer Khomeiny. (Bild: Imago)

Teile des Romans spielen in der Zeit der iranischen Revolution unter Revolutionsführer Khomeiny. (Bild: Imago)

Was kommt nach der Sieben? Acht. «Nein, das ist eine grosse Lüge, die wir nicht glauben dürfen. Bis sieben wissen wir Bescheid. Okay. Aber niemand weiss, was nach der Sieben kommt.» Klar, es ist ein Spinner, der hier redet – genauer gesagt ein Insasse der Alexianer-Nervenheilanstalt in Aachen. Und eigentlich hat er gar nicht so viel zu sagen in «Fereydun hatte drei Söhne», dem im Original 2004 erschienenen Roman des Iraners Abbas Maroufi.

Nicht glatt gestrickt

Der Sprung aus der Reihe des Berechenbaren aber passt zu diesem Buch, das nicht minder vielschichtig und eingedunkelt ist als die zuvor übersetzten Werke des seit 1996 im deutschen Exil lebenden Schriftstellers. Der Titel verweist auf eine Episode aus dem Schahname, dem «Buch der Könige», in dem der Dichter Firdausi Ende des 10. Jahrhunderts die mythische Geschichte Persiens gestaltete. Dort teilt König Fereydun sein Reich unter seinen Söhnen auf; Iradsch, der nobelste und demzufolge am reichsten Bedachte, wird von seinen neidischen Brüdern ermordet, was einen neuen Krieg über das Land bringt.

 

Der Fereydun, der dann in Maroufis Buch auftritt, ist kein Fürst, sondern ein Basari – ein Angehöriger der Händler-Elite, die in Iran einigen Einfluss ausüben kann, wenn sie ihr Fähnchen nur schön nach dem politischen Wind hängt. Auch er hat Söhne, die sich in den Haaren liegen, erst vier, dann nur mehr drei. Die Vier, die Drei – die finden sich dann im Sternbild des Grossen Wagens wieder, dem finalen Tableau der traurig-schönen Sage, die den Roman als eine Art Chiffre der ihm eingeschriebenen Kernbotschaft beschliesst.

Abbas Maroufi verwöhnt seine Leser nicht mit glatt gestrickten Erzählmustern, und für ein westliches Publikum liegt die Latte noch etwas höher. So war sein 1998 auf Deutsch erschienener Roman «Die dunkle Seite» eine kunstvolle Variation auf Sadegh Hedayats «Die blinde Eule» – ein Werk, das als Gründungsmanifest der modernen iranischen Literatur gilt und das auch Maroufis Schaffen mitgeprägt hat. Für «Fereydun» wiederum lohnt es sich, vor der Lektüre einen Blick auf die Zeit der islamischen Revolution und ihren blutigen Nachgang zu werfen.

Unter Maroufis übersetzten Romanen ist dies der erste, der sich direkt auf jene Periode einlässt. «Im Jahr des Aufruhrs» (dt. 2005) legte den Handlungsschwerpunkt in die Zeit zwischen 1937 und 1941, wobei der damalige, durch Reza Schah Pahlawi erzwungene Modernisierungsschub nur den vagen Hintergrund für das sinister-surreale Geschehen in einer abgelegenen Provinzstadt abgab. Die «Symphonie der Toten» (dt. 1998) spielt zwischen den vierziger und den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts und ähnelt dem neuen Roman zumindest hinsichtlich der Figurenkonstellation: Auch dort geht es um eine Familie, deren Söhne sich entzweien und einander befehden. «Die dunkle Seite» ragt zwar in die Zeit nach der Ausrufung des Gottesstaats, hat aber eher die Auseinandersetzung mit dem literarischen Vorbild im Blick als diejenige mit der politischen Situation.

Die finsterste Zeit

«Fereydun hatte drei Söhne» führt nun direkt in eine Periode, da die iranische Politik womöglich noch zynischer, brutaler und kafkaesker war als das, was dem Land zuvor unter dem repressiven Schah-Regime und danach unter der endgültig etablierten Theokratie zugemutet worden war. Denn die islamische Revolution war ursprünglich nicht ausschliesslich eine solche: Die Religiösen wurden von säkularen Oppositionsbewegungen wie der kommunistischen Tudeh-Partei, den marxistisch-maoistischen Volksmujahedin und der Nationalen Front flankiert. Bald nach der Revolution begannen Khomeiny und seine Anhänger, die anderen Revolutionsbewegungen wie auch die liberalere Geistlichkeit systematisch unter Druck zu setzen und auszumerzen.

Die Fereydun-Söhne im Roman repräsentieren einige dieser oppositionellen Strömungen. Madjid, der Ich-Erzähler, der mittlerweile in Deutschland im Exil lebt, stand den Kommunisten nahe; sein Bruder Said geriet in den sektenhaften Apparat derVolksmujahedin und starb bei einer grossen bewaffneten Operation, die das Mullah-Regime mit einer rabiaten Massenhinrichtung politischer Gefangener quittierte. Assad hingegen macht Karriere im Repressionsapparat des neuen Gottesstaats und zaudert auch im Familienkreis nicht, mit der Waffe zu fuchteln, wenn jemand sich abschätzig über die Ayatollahs äussert. Wie im Schahname ist es Iradsch, der beste unter den Söhnen, der als Erster stirbt – hier allerdings nicht durch die Hand der Brüder, sondern durch ein Erschiessungskommando.

Iradsch, der sich mit besonnener und durch keine Ideologie verzerrter Konsequenz gegen den Machtapparat auflehnte, ist das ferne, helle Zentralgestirn, um das die anderen Charaktere als wesentlich dunklere Planeten kreisen. Denn Maroufi will mit seinem zwischen Zeiten und Orten irrlichternden, gelegentlich das Surreale streifenden Szenario die iranische Revolution als das abbilden, was sie war: eine bald allen Idealen entfremdete Geschichte von Verwirrung, Verirrung und Verrat.

So verstellen Ignoranz und Eigennutz dem Protagonisten Madjid immer wieder den Blick: wenn er die von ihm gegründete oppositionelle Zeitschrift sofort krepieren lässt, als einmal eine andere Gruppierung als seine eigene die Frontseite beansprucht; wenn er jene Operation der Volksmujahedin, bei der sein Bruder umkam, in Unkenntnis ihrer verheerenden Konsequenzen öffentlich lobpreist; wenn er sowohl die Frau als auch die halbwüchsige Tochter seines an den Rollstuhl gefesselten Freundes beschläft und das Mädchen mit einer Schwangerschaft sitzenlässt. Allerdings verschränkt sich stets die Strafe mit dem Fehltritt; Madjid, einst ein Star der exilierten iranischen Opposition, manövriert sich durch sein Handeln in zunehmende Isolation und landet schliesslich, haltlos und innerlich zerrüttet, in der eingangs erwähnten Nervenheilanstalt.

Mitten ins Chaos

Maroufi nutzt dieses Setting für einige groteske Intermezzi, vor allem aber als Grundierung für seinen zwischen Erzählperspektiven und Zeiten, historischer Faktennähe und surrealer Überhöhung pendelnden Erzählmodus. Der herausfordernde Auftakt des Buches stösst den Leser direkt in Madjids verstörte Psyche, lässt ihn erst einmal taumeln und ratlos nach Halt suchen, bis allmählich die Charaktere und Ereignisse Kontur gewinnen. Aber der Boden festigt sich nie restlos; noch gegen Schluss ist man sich eine Zeitlang nicht sicher, ob die gespenstisch skizzierte Heimreise des Protagonisten tatsächlich stattfindet oder ob es sich nur um eine aus dem Rauch seiner zahllosen Zigaretten gesponnene Phantasie handelt. Leichtverdauliche Kost wird hier nicht geboten. Aber ob's dem Leser nun schmeckt oder nicht: Für seine bittere Geschichtslektion hat Abbas Maroufi die angemessene Form gefunden.

Abbas Maroufi: Fereydun hatte drei Söhne. Roman. Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2016. 298 S., Fr. 31.90.

Neue Zürcher Zeitung

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December 22, 2016

Unter der Glasglocke

Porträt des Autors Abbas MaroufiUnter der Glasglocke

Abbas Maroufi ist einer der bedeutendsten iranischen Schriftsteller der Gegenwart. Seit 20 Jahren lebt er im deutschen Exil. Ein Besuch in seiner Berliner Buchhandlung.

CAROLIN HAENTJES
Abbas Maroufi
Transitraum. Abbas Maroufi in seiner Buchhandlung in der Kantstraße, Europas größtem Laden für persische Literatur.FOTO: MIKE WOLFF 
   In roten Lettern prangt der Name „Hedayat“ über dem Laden an der Kantstraße. Hinter der Tür liegt ein Büchermeer, ein stiller, euro-persischer Transitraum, die größte Buchhandlung für persische Literatur in Europa. Mittendrin, unter den strengen Blicken von Kafka-, Beckett- und Joyce-Porträts an den Wänden, steht Abbas Maroufi.

Freundlich und zurückhaltend wirkt er, mit Blick in seinen nach Irans Meisterautor der Moderne benannten Laden sagt er: „Schon eins von diesen Büchern zu besitzen, könnte einem in Iran das Leben kosten.“ Maroufi selbst führt nicht nur seit 13 Jahren dieses Geschäft, er hat viele der Werke in seinem Verlag Gardun herausgegeben und außerdem einige der lebensgefährlichen Bücher selber geschrieben.

Deswegen sei er vor 20 Jahren geflohen, erzählt er beim Tee in seinem Arbeitszimmer. Abbas Maroufi, 1957 in Teheran geboren, heute einer der bedeutendsten iranischen Exilschriftsteller, gewann schon mit 18 einen landesweiten Kurzgeschichtenwettbewerb und trat mit 19 dem iranischen Schriftstellerverband bei.

Maroufis Literaturzeitschrift wurde verboten

Aber mit der Islamischen Revolution 1979 – Maroufi hatte gerade angefangen, dramatische Literatur zu studieren – wurde plötzlich jede künstlerische Arbeit, die nicht genau den Vorstellungen der Mullahs entsprach, hochgefährlich. Maroufi gründete 1990 trotzdem die Zeitschrift „Gardun“: eine Publikation über Literatur und Zeitgeist, die auch kritische Töne anklingen ließ. Ein langes Leben war ihr nicht beschert. Bald wurden die Redaktionsräume verwüstet, „Gardun“ verboten und Maroufi der Prozess gemacht. 1996 floh er nach Deutschland.

Er landete im nordrhein-westfälischen Düren. Zunächst im Heinrich-Böll-Haus, einer Schriftstellerresidenz, in der es ihm sehr gut ergangen sei. Aber als sich die Familie – Frau und Töchter waren inzwischen nachgekommen – eine eigene Wohnung suchte, machten sie Bekanntschaft mit dem alltäglichen Rassismus in Deutschland: Sie konnten nur in einem verwahrlosten Stadtteil eine Wohnung finden, lebten dort Tür an Tür mit einer Nachbarin, die Maroufis Frau und Kinder wiederholt tätlich angriff.

Der Neustart in Deutschland war hart

So verständnisvoll der Autor heute auf sein Ankommen in Deutschland zurückblickt: Der Roman, den Maroufi damals im „traurigen Viertel“ von Düren geschrieben hat und der jetzt in der von Ilija Trojanow herausgegebenen Reihe „Weltlese“ neu aufgelegt wurde, zeugt von der Verzweiflung jener Tage. Maroufis Protagonist Madjid, vormals ein kommunistischer Revolutionär, ist an seinem Fremdsein im Exil zerbrochen. In der neuen, trostlosen Gegenwart kann er so wenig Halt finden, dass ihm nicht einmal eine halbwegs stabile Realitätswahrnehmung gelingen will. Madjid übermannen die Erinnerungen – an die Heimat, an die Revolution, an die politischen Wirren, die ihn ins Exil trieben.

Manchmal macht er einen Versuch, mit seiner neuen Umgebung in Berührung zu kommen: Dann erhebt er sich von seinem Bett in der Nervenheilanstalt und schleppt sich durch eine westdeutsche Kleinstadtwüste. Er fühlt sich hinter einer gläsernen Wand: Für all das, was seine Welt, sein Leben, seine Identität ausmachte, finden die Menschen hier oft keine treffenden Worte. Wie soll er sich da mit ihnen verständigen können? „Er hörte den Lärm, das Kirchenläuten, Schritte, war unter Menschen und sah alles, spielte aber nirgendwo eine Rolle. Man hatte eine Glaskuppel um ihn errichtet, damit niemand seine Stimme hörte. Nur manchmal fragte ihn jemand mitleidig: ,Woher kommen Sie?‘ ,Iran.‘ ,Irak. Ja, Saddam Hussein.‘ ,Nicht Irak.‘ Wie sehr es ihn schmerzte. Langsam und laut sagte ich: ,Iran. Iran.‘“

Mythen und Archetypen haucht er neues Leben

Ob er auch einmal daran gedacht habe, zurückzukehren, entgegen aller Vernunft, so wie sein Protagonist Madjid? Abbas Maroufi schüttelt vage den Kopf. Er ist berühmt in Iran, sagt er, und gefährlich für das Regime. Sein Roman „Symphonie der Toten“ von 1989 (auf Deutsch 1998 im Suhrkamp-Verlag erschienen) sei zwar verboten, aber trotzdem eine Million Mal verbreitet worden. Aber er gibt zu: „Einmal habe ich auf Facebook gepostet: ‚Ich will zurückkommen‘. Dann habe ich einen Brief voll blutiger Metaphern erhalten. Absender unbekannt. Ich weiß, was das bedeutet.“

Trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt sein Blick gen Iran und in die Vergangenheit gerichtet, zumindest beim Schreiben. Die Figur des Iradsch zum Beispiel, der verlorene Bruder in „Fereydun“, Madjids Gegenüber, sei für ihn die Wiederbegegnung mit einem alten Freund gewesen, der schon lange tot sei. Wie so viele seiner Kameraden. Oft sind sie auch aus seinem Gedächtnis verschwunden, aber wenn er sucht, ist da manchmal wenigstens eine Farbe, ein Geruch, eine Musik ...

Wiederbelebung, darum geht es ihm: Mythen und Archetypen haucht er neues Leben ein und versetzt sie in eine andere historische Gegenwart. Der Roman „Fereydun“ beispielsweise ist die komplexe Wiederaufnahme einer Sage aus dem „Buch der Könige“ von Firdausi – „dem persischen Homer“ aus dem 10. Jahrhundert – und eine Odyssee durch die Weiten des Exil-Schmerzes.

Er glaubt nicht, dass es zur Farah-Diba-Ausstellung kommt

Draußen rauscht der Regen. Als das Gespräch auf die Teheraner Farah-Diba-Sammlung kommt, die eigentlich diesen Monat in der Gemäldegalerie gezeigt werden sollte und die nun wohl im Januar zu sehen sein wird, greift Maroufi nach einem Stück Schokolade und führt mit sanfter Stimme noch einmal seine Wortmächtigkeit vor: „Die iranische Atombombe ist schon explodiert“, erklärt er. In Hiroshima haben sie die Universität ein Jahr geschlossen, in Teheran waren es drei Jahre. Nur wurde die Bombe „Kulturrevolution“ genannt.

Oft sei er an der Rückseite der Teheraner Universität vorbeigelaufen, dort wo die Sammlung der Schah-Witwe unterirdisch lagerte. Ein Massengrab der Kunst sei das da, sagt Maroufi, Symptom der gesellschaftlichen Verstrahlung durch das Regime. Er glaubt nicht, dass es zu der Schau in Berlin kommt, für die noch die Ausfuhrgenehmigung von Präsident Hassan Rohani fehlt. Maroufi würde es jedoch begrüßen, wenn die Meisterwerke auferstehen würden und wieder unter menschlichen Blicken atmen könnten.

 Abbas MaroufiFereydun hatte drei Söhne. Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. Edition Büchergilde, 298 Seiten, 22,50 €.

Am 14. Dezember um 20 Uhr stellt der Autor seinen Roman in der Büchergilde Buchhandlung am Wittenbergplatz vor (Kleiststr. 19 – 21).







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