January 26, 2006

„Jeden Baum, den wir hier aufziehen, bewässern wir, um ihn eines Tages in die Erde der Heimat z

Author: Roman Seidel

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Der iranische Schriftsteller, Publizist und Dissident Abbas Maroufi mit seinem 1989 erschienenen Roman „Samfoni-ye mordegan“ (Symphonie der Toten) literarischen Ruhm und machte sich als Herausgeber der kritischen Kulturzeitschrift „Gardun“ einen Namen. 1996 wurde die Zeitschrift wegen ihrer systemkritischen Haltung verboten und Maroufi zu sechs Monaten Haft und 20 Peitschenhieben verurteilt; seine Werke durften in Iran nicht mehr erscheinen. Seine Literatur zeichnet sich durch einen anspruchsvollen Erzählstil mit häufigem Wechsel der Zeit- und Erzählebenen aus. Er lebt heute mit seiner Familie in Berlin, wo er einen Buchladen für persische und orientalische Literatur betreibt und als Schriftsteller tätig ist.   

"Ich bin nie parteilich oder politisch tätig gewesen. Aber in einem Land, in dem das Herauslugen der Haarsträhne einer Frau oder das Tragen eines kurzärmligen Hemdes als politischer Akt gilt, bin ich politisch ausgesprochen aktiv gewesen. Ich habe mit der Zensur gekämpft, habe für die Freiheit des Wortes gefochten, habe in meiner Zeitschrift die Diskussion um (die Wiederbelebung) des Schriftstellerverbandes angestoßen, habe einen Literaturpreis vergeben, habe den Größen der Literatur Ehrfurcht erwiesen und den Jungen des Fliegen beigebracht, all das ist kulturelle Arbeit. Ich habe die dunklen Seiten der Gesellschaft aufgezeigt, ein Bild vom verfaulten Gebiss der Gesellschaft gemacht (...) und schließlich so viel Prügel eingesteckt, dass ich alle Zähne meines Oberkiefers verloren habe. (...) Bei alle dem bin ich ein Schriftsteller und werde immer ein Schriftsteller bleiben."

Diese Sätze, die der iranische Autor und Intellektuelle Abbas Maroufi Ende 2003 in einem Interview der in Teheran erscheinenden kritisch-reformorientierten Zeitung „Sharq“ (Osten) äußerte, könnten geradezu als allgemeines Kredo der engagierten Kulturschaffenden Irans verstanden werden. Und Abbas Maroufi kann man fraglos einen ihrer prominentesten Vertreter nennen. Maroufi hat oft betont, dass er die Literatur als Selbstzweck versteht, doch wo die Freiheit des Wortes von oben beschränkt wird, wird der Literat unweigerlich politisch, oder er verstummt. Damit steht Maroufi in der über hundertjährigen Tradition der engagierten modernen Literatur Irans, in der die Schriftsteller – sei es unter den Qadscharen-Herrschern, unter der Pahlavi-Diktatur oder in der Islamischen Republik – in ihrem Schaffen beschnitten und verfolgt wurden. 

Begegnung mit der Literatur

Schon als Schüler begann Abbas Maroufi sich für Literatur zu interessieren, doch erlaubte ihm seine Familie nicht, den geisteswissenschaftlichen Zweig des Gymnasiums zu besuchen. Daher machte er sein Abitur mit mathematischem Schwerpunkt. Mitte der siebziger Jahre veröffentlichte Maroufi seine ersten Erzählungen in Literaturzeitschriften. Kurz nach dem Erfolg der Islamischen Revolution in Iran 1979 begann er sein Studium der dramatischen Literatur.

Den Durchbruch zu einer professionellen Schriftstellerkarriere verdankt er – wie eine ganze Reihe heute sehr anerkannter iranischer Schriftsteller – der Begegnung mit dem Autor und ewigen Dissidenten Huschang Golschiri, der sich sein Leben lang für die Literatur eingesetzt hat, sei es durch seine gesellschafts- und systemkritischen Schriften, sei es durch seine privaten Seminare für junge Schriftsteller. 

Maroufi erzählt: "Und hätte Huschang Golschiri nicht unterrichtet, welcher junge Autor hätte heute etwas zu sagen? (...) Auch ich war Schüler Golschiris, und darauf werde ich mein Leben lang stolz sein. (...) Ich traf ihn zum ersten Mal im Lager einer Buchhandlung. Ich, ein junger Kerl, der darauf brannte, ihm eine Geschichte vorzulesen. Wir setzten uns auf den Boden, meine Hände zitterten. Er sagte: 'Nun gut, dann lies mal.' Nachdem er die Geschichte gehört hatte, sagte er: 'Aus dir wird nie ein Geschichtenerzähler, du solltest Tücher nähen.' Er ging. Ich lief ihm hinterher, wollte, dass er mir weiterhelfe. Ich sagte: 'Ich habe bei Null angefangen.' Er sagte: 'Das ist ein Fehler, du solltest nicht bei Null anfangen. Du musst bei mir anfangen oder nach mir, du Analphabet. Du musst zweitausend Bücher lesen.' Damit begann mein Leben. Zwei Jahre habe ich keinen Stift angerührt. Ich las die zweitausend Bücher und veröffentlichte dann eine Geschichte. Diesmal war es Golschiri, der mich aufsuchte. Danach rief er hin und wieder an. 'Komm vorbei und lies mir eine Geschichte vor', sagte er." (Abbas Maroufi: Donnerstags waren wir eine Armee. Für meinen Freund Huschang Golschiri, in: Neue Bilder Neue Stimmen. Programm des Hauses der Kulturen der Welt, 2000)

Der Publizist und Dissident

Golschiri war es auch, der Maroufi 1990 dazu anregte, die Kulturzeitschrift „Gardun“ (Himmelsgewölbe) zu gründen. Mit „Gardun“ begann Maroufis Karriere als Publizist und kritischer Intellektueller. Die Zeitschrift entwickelte sich schnell zu einem der wichtigsten Foren der iranischen Gegen-Öffentlichkeit: Hier wurden die Texte junger Schriftsteller veröffentlicht, hier wurde über Kunst, Literatur, Kultur und Öffentlichkeit in einer bis dahin lange nicht mehr dagewesen Offenheit diskutiert – was natürlich den Zorn der konservativen religiös-politischen Führungselite Irans auf die Redaktion lenkte. 

Die Redaktionsräume wurden von Schlägertrupps aufgesucht, die Redakteure und Autoren bedroht. 1991 wurde die Zeitschrift schließlich verboten. Doch das hinderte Maroufi und seine Mitstreiter nicht daran, ihrer Kritik auch weiterhin zu artikulieren. In den folgenden Jahren beteiligte Maroufi sich an der Diskussion um die Gründung eines Schriftstellerverbandes, die im Oktober 1994 im berühmten "Aufruf der 134" mündete. In diesem Aufruf protestierten eine Reihe von Autoren gegen ihre öffentliche Verunglimpfung und gegen die Behinderung ihrer Arbeit durch die politische Führung. Sie traten für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ein und betonten, keine parteipolitischen Absichten zu haben, sondern lediglich frei ihrer Tätigkeit nachgehen zu wollen. 

Trotz der Betonung seiner unpolitischen Motivation wurde der Aufruf zu einem Politikum, das großes Aufsehen erregte und die Obrigkeit verärgerte. Gleiches gilt auch für die von Abbas Maroufi verfassten Editorials, die jede Nummer von „Gardun“ einleiteten und stets mit Ironie und beißender Kritik gespickt waren: "Vor langer Zeit lebte ein Gelehrter namens Razi in Teheran“, schreibt Maroufi in einem dieser Editorials. „Nachts begann er schlafzuwandeln. Der staatliche Sittenwächter stellte sich ihm in den Weg und forderte ihn auf, rechts ranzufahren. Der Chemiker Razi hat dem Sittenwächter geantwortet, dass er, anstatt sich um die Angelegenheiten anderer Leute zu kümmern, lieber Bücher lesen sollte. 'Denn ihr habt die Pflicht, den Menschen die Nacht wie den Tag zu erhellen. Wieso fühlst du dich mir überlegen und glaubst, mich kontrollieren zu dürfen und mir das Recht zu nehmen, im Schlaf umher zu wandeln?' (...)

Eine zivilisierte Gesellschaft, die eine Revolution gemacht hat, will nicht all diese Polizisten und Aufpasser. Wenn dies alles wegen der allgemeinen Sicherheit geschieht, so ist die Mühe vergeblich. Sicherheit schafft man durch Ansehen, Ehre und Persönlichkeit der Bewohner eines Landes." (Gardun, Juni 1995. Deutsch: Schlafwandeln in Teheran. Warum Iran Kultur braucht, übersetzt von K. Amirpur, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Februar 1996)

Wegen solcher und ähnlicher Texte, die Unzufriedenheit und Elend in der Gesellschaft ansprachen und Tabus wie Drogensucht, Kriminalität und Prostitution thematisierten, wurde die Zeitschrift „Gardun“ verboten und Abbas Maroufi wegen der "Verbreitung von Lügen" und der "Beleidigung des Revolutionsführers und der islamischen Werte" zu sechs Monaten Haft und 20 Peitschenhieben verurteilt. Darüber hinaus erhielt er Publikationsverbot. Maroufis Schriften durften von nun an weder veröffentlicht noch verkauft werden. Aufgrund internationaler Proteste wurde die Vollstreckung des Urteils zunächst ausgesetzt und mit Hilfe u.a. des Deutschen PEN gelang es Maroufi zusammen mit seiner Familie aus Iran nach Deutschland auszureisen. Damit war er zwar der drakonischen Strafe und der Gefahr entkommen, von semioffiziellen Schlägerkommandos aufgesucht zu werden, doch dem religiös-politischen Establishment war es gelungen, ihn aus der iranischen Öffentlichkeit zu verbannen. 

In Deutschland lebte Abbas Maroufi zusammen mit seiner Frau, der Malerin Akram Abooee, und seinen drei Töchtern zunächst als Gast des Heinrich-Böll-Hauses bei Düren. Eine Zeitlang gab er „Gardun“ als Exilzeitschrift heraus, in der sowohl Texte von Exilschriftstellern wie auch von in Iran lebenden Autoren veröffentlicht wurden. Eines der zentralen Themen der Zeitschrift waren die bis 1999 nicht abreißenden Morde an Intellektuellen in Iran, die bald nach der Veröffentlichung des "Aufrufs der 134" als 'Säuberungskampagne' des iranischen Geheimdienstes einsetzten und in den Jahren 1997 und 1998 mit der Ermordung von Schriftstellern und Oppositionellen wie Mohammad Mochtari, Mohammad Djafar Pujandeh, dem Ehepaar Dariusch Forouhar, Parwahneh Eskandari und anderen ihren Höhepunkt fanden.

Im Jahr 2000 zog die Familie nach Berlin, wo Maroufi zunächst als Nachtportier in einem Hotel arbeitete. In dieser Zeit, so erzählt er, habe er kaum eine Zeile geschrieben und sehr unter dem Gefühl von Einsamkeit gelitten. Heute betreibt Maroufi die Buchhandlung „Hedayat“ in Berlin, in der er vor allem persische Literatur aus dem Exil und aus Iran im Original und in Übersetzungen anbietet. Darüber hinaus veranstaltet er hier regelmäßig Schreibseminare für angehende iranische Schriftsteller, Lesungen und Ausstellungen. Diese Arbeit hat ihm wieder neuen Auftrieb gegeben: "Dass, was mich zur Zeit mit dem Leben verknüpft, ist die literarische und kulturelle Arbeit, die ich früher oder später nach Iran verpflanzen will. Jeden Baum, den wir hier aufziehen, bewässern wir, um ihn eines Tages in die Erde der Heimat zu setzen." 

Im deutschen Exil hat Maroufi seinen Roman „Feridun seh pesar dascht“ (Feridun hatte drei Söhne) vollendet; sein jüngstes Werk „tamaman makhsus“ (Ganz und gar besonders), das stark autobiographische Züge tragen wird, steht kurz vor Fertigstellung. Auch beginnt er sich allmählich wieder einen Platz in der iranischen Öffentlichkeit zu erkämpfen. Seine Werke, die er bereits zuvor im Eigenverlag in Iran veröffentlicht hatte, dürfen dort inzwischen wieder erscheinen. 

Der direkteste Weg, auf dem Maroufi das Publikum in seiner Heimat erreicht, ist das Internet. Viele in Iran und im Exil lebende Schriftsteller und Intellektuelle nutzen vermehrt diese Form der Präsenz und schaffen damit eine Gegenöffentlichkeit, die von staatlicher Seite kaum zu kontrollieren ist. Auch hat sich hier ein Raum geöffnet, in dem die Diaspora und die im Land lebenden Iraner gemeinsam vertreten sind. Im literarischen Kontext ist der jüngst zu Ende gegangene Kurzprosawettbewerb, bei dem Maroufi mit zur Jury gehörte, ein gutes Beispiel. Sein Weblog (www.maroufi.malakut.org), in dem er regelmäßig kleine Essays und literarische Texte veröffentlicht, wird von vielen Iranern regelmäßig gelesen, und auf seiner Internetseite (www.abbasmaroufi.com) können Interessierte sich den Roman „Feridun seh pesar dascht“ herunterladen, dem die offizielle Zensurbehörde die Druckgenehmigung verweigert hat. Auch in den Streit zwischen dem Reformparlament und der religiös-politischen Führung des Landes im Kontext der Parlamentswahlen 2004 hat Maroufi sich mit einem offenen Brief eingeschaltet. (Der Brief erschien in deutscher Fassung auch in der „Zeit“.) In diesem Brief wirft Maroufi der Reformbewegung um Präsident Khatami in scharfen Worten vor, zu sehr zurückgesteckt und die Boykottierung ihrer Arbeit durch den Wächterrat zu lange hingenommen zu haben.

Werke

Seinen literarischen Erfolg und einen festen Platz in der Literaturgeschichte Irans erreichte Abbas Maroufi mit seinem ersten Roman „Samfoni-ye mordegan“ (Symphonie der Toten), der bald nach seinem Erscheinen gefeiert und viel diskutiert wurde. Das Besondere an Maroufis Literatur ist die Art, in der sie Gesellschafts- und Traditionskritik mit einer anspruchsvollen und in Iran bis dahin unbekannten Erzähltechnik, komplexen und sehr durchdachten Strukturen der Erzählung sowie mit ständigen Anspielungen auf den reichen Fundus der iranischen Literatur verknüpft.

Maroufis Werke lassen sich als eine kritische Zustandsbeschreibung des heutigen Iran lesen. So erzählt „Symphonie der Toten“ die Geschichte von dem Zerfall einer Familie. In diesem Roman wird die traditionelle Bindung des Einzelnen an die Familie thematisiert. Im Zentrum des Buches stehen die Brüder Aydin und Urhan. Während Urhan als ehrgeiziger Geschäftsmann und kalt berechnender Materialist das patriarchale Machtverständnis des Vater übernimmt und sich darüber hinaus vom Band der Familie befreien will, indem er versucht, seine Brüder aus dem Weg zu räumen, möchte Aydin sich als Dichter und Mystiker emanzipieren. Aydin verlässt die Familie nachdem der Vater, der seine Schriftstellerei verachtet, seine Werke verbrennt, kehrt aber nach der Selbstverbrennung seiner Schwester wieder zur Familie zurück. Sein Bruder Urhan vergiftet ihn und er verfällt dem Wahnsinn, wird zum weisen Narren. 

Ideologie- und Gesellschaftskritik sowie die Verurteilung jeglicher Gewaltherrschaft zeigt sich deutlich in Maroufis Roman "Feridun hatte drei Söhne", der zum Teil in der brisanten Phase um die Islamische Revolution spielt, einer Zeit, in der sich in vielen Familien die Brüche und Risse widerspiegeln, die die Gesellschaft in eine Vielzahl von miteinander im Widerstreit liegenden politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen zerteilten. Hier kehrt auch das Motiv des Brudermordes wieder, allerdings nicht aus Habgier, sondern aus ideologischen Gründen. 

Politische Unruhen bilden auch den Hintergrund, vor dem die Geschichte in „Das Jahr des Aufruhrs“ spielt. In Sangsar, einem Ort im nördlichen Iran, der in die Wirren des zweiten Weltkrieges gerät, hat der Hauptmann Khosravi die Kontrolle an sich gerissen. Um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, lässt er einen Galgen errichten, gegen den sich die Bewohner und Notablen der Stadt zunächst wehren, weil dieser ein Gefühl von Unsicherheit und Angst provoziert. Allmählich aber gewöhnen sich die Menschen an seine Präsenz. Seine Kritik an den tradierten Gesetzen drückt Maroufi in seiner Darstellung der Dominanz des Mannes über die Frau, der unfreiwilligen Ehe, der verbotenen Sehnsucht nach leidenschaftlicher freier Liebe und dem Motiv des Ehrenmordes aus. Die Protagonistin Nuscha, aus deren Perspektive der Roman zum größten Teil erzählt ist, zieht sich aus ihrer leidenschaftslosen Beziehung mit ihrem Ehemann Ma‘sum mehr und mehr in die Erinnerung an ihre Jugendliebe Hosseina zurück. In Sangsar kocht die Gerüchteküche; als Sündenbock für Chaos und eine vermeintliche Lepraepidemie wird bald der zugezogene Töpfer Hosseina ausgemacht, dem man auch ein Verhältnis mit Nuscha nachsagt. In seiner Ehre verletzt, wird Ma‘sum zunehmend gewalttätig gegen seine Frau. 

Maroufis Werke sind eine fesselnde Lektüre – selbst dann, wenn man den direkten Bezug auf die iranischen Lebensverhältnisse ausblendet. Was Maroufis Werke auszeichnet, ist die ihm eigene Erzähltechnik, die mit dem oft nahtlosen Wechsel verschiedener Perspektiven sowie Zeit- und Erzählebenen operiert und sich im Rahmen einer sehr durchdachten Gesamtstruktur des Romas bewegt. „Symphonie der Toten“ ist nach dem Vorbild einer Symphonie in vier Sätzen gegliedert, die jeweils aus einer anderen Perspektive erzählt sind. Der erste Satz, der am Ende des Romans noch einmal aufgegriffen wird, ist aus Urhans Sicht geschrieben, der seinen Bruder Aydin sucht, um ihn zu töten. Hier wechselt die Perspektive von der ersten Person zur dritten und schafft somit eine Außen-Innen Ansicht. Die Zeit, die der personale Erzähler durchlebt, spielt sich im Rahmen von 24 Stunden ab, doch durch die Technik des Bewusstseinsstroms entfaltet sich die Familiengeschichte aus der Sicht Urhans und umfasst 43 Jahre. Hier zeigt sich Maroufis Vorliebe, die Relativität der Zeit in seinem Schreiben zu reflektieren: die im Roman refigurierte Zeit ist alles andere als linear. Die erlebte Zeiterfahrung und die 'tatsächlich' durchlebte Zeit der Personen überlagern sich und machen ein neues Zeitganzes auf, in dem sich das Geschehen abspielt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Traum, Erinnerung und Wirklichkeit sind zu einem Ganzen verwoben, die Grenzen sind aufgehoben und im Lesen begreift man oft erst allmählich auf wie vielen Zeitebenen sich der Erzählfluss abspielt. 

Besonders deutlich wird dies in dem Roman „Das Jahr des Aufruhrs“, dessen sieben Kapitel sieben Nächte darstellen, in denen die Protagonistin im Sterben liegt. In einer inneren Rückschau entfaltet sich ihr Leben auf verschiedenen Erzählebenen. Auch hier gibt es Umblenden zwischen erster und dritter Person. Zeit wird bei Maroufi auch als zirkulär dargestellt, indem die Erzählung häufig zu einem Geschehen zurückkehrt und es mitunter aus einer anderen Sicht wiedererzählt. Darüber hinaus zeigt sich Zeit als existenzielle Größe oft als 'Sein zum Tode', wenn sich das Zeitganze, das erzählt wird, in der 'Endzeit', den letzten Stunden (Urhan) oder Tagen (Nuscha) einer Person entfaltet. Zu den weiteren Symbolen, die in Maroufis Werk von zentraler Bedeutung sind, gehören Eis, Schnee (z.B. die Schneelandschaft, in der Urhan seinen Bruder oder die drei von Ma‘sum angeheuerten Brüder Hosseina suchen, um ihn zu überwältigen) und Feuer. 

Das Innen-Aussen-Verhältnis, das durch den Wechsel der Erzählebenen entsteht, wird auch auf räumlicher Ebene reflektiert, wobei "Innen", der feste Halt, die Mitte, in der die Person ruht, meist durch das Wohnhaus der Protagonisten symbolisiert wird, das parallel zur inneren Befindlichkeit der Hauptpersonen zunehmend verfällt. 

In Maroufis Werken finden sich darüber hinaus eine Fülle von Anspielungen auf religiöse und mythologische Stoffe sowie intertextuelle Bezüge zu zentralen Werken der persischen Literaturgeschichte. Die Geschichte des Brudermordes in „Symphonie der Toten“ wird durch die koranische Version der Geschichte von Kain und Abel eingeleitet. Die Beziehung zwischen Aydin und Surmelia erinnert wiederum an die Geschichte von Bijan und Manijeh aus dem persischen Nationalepos „Shah-nameh“ von Ferdusi (um 1000 n. Chr.). Hosseina, der Geliebte Nuschas, trägt starke Züge von Farhad, dem unglücklichen und betrogenen Verehrer von Schirin aus Nezamis Meisterwerk „Chosrou und Schirin“ (um 1100 n. Chr.) und ist zugleich eine Anspielung auf den schiitischen Märtyrer Hussein, dem Enkel des Propheten Muhammad, dessen Martyrium in der Schlacht bei Kerbala (680 n. Chr.) von Schiiten in Passionsspielen und Trauerprozessionen im islamischen Monat Muharram, die auch in „Das Jahr des Aufruhrs“ wiederholt vorkommen, alljährlich gedacht wird. Am deutlichsten treten die intertextuellen Bezüge in Maroufis Roman „Peykar-e Farhad“ (deutscher Titel: Die Dunkle Seite) zutage. Schon im Originaltitel (zu Deutsch "Das Bildnis des Farhad") steckt eine Anspielung auf den eben erwähnten Farhad Nezamis. Doch ist „Die Dunkle Seite“ im Ganzen eine Variation des vielleicht bedeutendsten Romans der modernen persischen Literatur Sadeq Hedayats „Bof-e kur“ (Die Blinde Eule). 

In diesem düster-surrealen Roman wird die Geschichte eines Federkastenmalers erzählt, der an der Liebe zu der Frau, die als Miniatur sämtliche seiner bemalten Etuis ziert, zugrunde geht. Diese Frau, die in Hedayats Roman durchweg als Objekt der Sehnsucht des Malers auftaucht und diesen in den Wahnsinn treibt, wird bei Maroufi zum Subjekt, tritt aus dem Federkasten heraus und begibt sich auf die Suche nach dem Maler. Die Geschichte ist vielleicht auch der Versuch, ähnlich wie in „Das Jahr des Aufruhrs“, der Frau, die in Literatur und Geschichte so oft nur als Objekt männlicher Fantasie vorkommt, eine Stimme und eine Persönlichkeit zu geben. Als Vorbild für solch eine Stimme diente Maroufi die modernen iranische Dichterin Forough Farrokhzad (gest. 1967): "Im Roman ‚Peykar-e Farhad’ wollte ich Forough mit Hedayat konfrontieren, dass einer von beiden das Wort ergreife". Mit dieser Vielzahl von Bezügen zur Mythologie sowie zur klassischen und modernen persischen Literatur gelingt es Maroufi, das kulturelle Gedächtnis Irans aufzugreifen und in seine Literatur einfließen zu lassen. 
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Abbas Maroufi wird 1957 in Teheran geboren, absolviert nach dem Abitur seinen Militärdienst, der mit dem Ausbruch der Islamischen Revolution in Iran 1979 endet.
In den Jahren 1976/77 erscheinen seine ersten Erzählungen in Zeitschriften
1980 wird sein erster Erzählband „Ruberu-ye aftab“ (Im Angesicht der Sonne) veröffentlicht.

Kurz nach der Revolution beginnt er sein Studium der dramatischen Literatur in Teheran, das sich wegen der revolutionsbedingten Schließung der Universitäten über sieben Jahre hinzieht. In dieser Zeit ist er auch als Lehrer tätig.

Zwischen 1977 und 1985 entstehen seine drei Theaterstücke. Eines davon ist seine Abschlussarbeit. 1986 erscheint sein zweiter Erzählband „Akharin nasl-e bartar“.
Von 1987-1990 arbeitet er in der Musikabteilung der Teheraner Stadthalle. 1989 erscheint sein erster Roman „Samfoni-ye mordegan“ (Symphonie der Toten), der in Iran größte Beachtung findet. 1992 wird sein dritter Erzählband „Atr-e Yas“ (Jasminduft), der in Iran nicht gedruckt werden durfte, von einem US-amerikanischen Exilverlag herausgebracht. In seinem Verlag „Gardun“ erscheint Maroufis zweiter Roman „Sal-e balva“ (Das Jahr des Aufruhrs).

1990 gründet Maroufi die Kultur- und Literaturzeitschrift „Gardun“ (Himmelsgewölbe), die zu einem der wichtigsten Foren der kritischen iranischen Intellektuellen wird.
Nachdem die Zeitschrift mehrfach verboten werden sollte, wird ihr 1996 endgültig die Lizenz entzogen und Maroufi zu sechs Monaten Haft und 20 Peitschenhieben verurteilt. Alle seine Werke werden verboten.

Noch im selben Jahr kann er mit seiner Familie unbehelligt ausreisen und ist zunächst Gast des Heinrich-Böll-Hauses bei Düren. Er gibt „Gardun“ zunächst im Exil heraus, muss die Herausgabe dann aber aus finanziellen Gründen einstellen.

2000 zieht er mit seiner Familie nach Berlin. Dort eröffnet er nach einiger Zeit seine Buchhandlung „Hedayat“.

2002 erhält er das Arnold-Zweig-Stipendium der Stiftung Preussische Seehandlung.
Im Jahr 2003 dürfen seine in Iran bereits erschienenen Werke wieder verlegt werden.

Posted by Abbas at January 26, 2006 4:12 PM | TrackBack
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