April 20, 2005

Politik als Strafe Gottes

Das System Irans ist ökonomisch und moralisch bankrott. Nun wollen die Ajatollahs ihre Herrschaft durch die Bombe verewigen. Ist ein Krieg die letzte Hoffnung auf das Ende der Tyrannei?
(c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
Von Abbas Maroufi


Die gegenwärtige Situation Irans ist der Endphase der Safaviden-Herrschaft (1694 bis 1722) nicht unähnlich, als das Land von mehreren Seiten angegriffen und ausgeplündert wurde, während Sultan Hussein seine Zeit überwiegend in Gesellschaft von Predigern und Haremsdamen verbrachte. Die Geisterbeschwörer hatten ihn umringt. Tempel, Kirchen und Weinschänken wurden geschlossen, verdiente Heeresführer und tüchtige Amtsträger wurden auf Befehl des Schahs vernichtet. Und die Gesellschaft wurde durch Passionsspiele, religiöse Zeremonien und durch Aberglauben an Fortschritt und wirtschaftlichem Aufschwung gehindert.
Die Bevölkerung revoltierte in einigen Regionen gegen die Regierung, tötete Tausende von Schiiten und plünderte die Städte in einem Ausmaß, dass schließlich der osmanische Sultan eingriff und einen seiner Gefolgsleute als Befehlshaber über Schwerwan im Kaukasugebiet bestimmte.
Im Süden Irans und am Persischen Golf war die Lage so unsicher, dass jeder einen beliebigen Ort plündern und sich als Herrscher aufspielen konnte. Die Bevölkerung war schutzlos. Am Ende versetzten die Afghanen Iran den vernichtenden Schlag. Eine Bande von Meuterern und Rebellen griff auf Befehl von Machmud, dem Afghanen, Iran an und eroberte die Hauptstadt. Die Zoroastrier, die über die Grausamkeit des Schahs verzweifelt waren und sich von der Herrschaft des Terrors befreien wollten, unterstützten den Angriff der Afghanen.
Der Schah schenkte dem Volk und seiner Macht keinerlei Beachtung. Während der siebenmonatigen Belagerung der Hauptstadt, bei der die Bevölkerung unter Hungersnot und Pest litt, betete er an der Seite der Prediger und erwartete das Heer der Geister, damit es gegen den Feind ins Feld ziehen würde. Als er schließlich erkennen musste, dass die Dschinnen nichts verrichten konnten und die Stadt erobert worden war, ging er persönlich zum Heerlager Machmuds des Afghanen und setzte ihm die Königskrone auf.
Isfahan, die damalige Hauptstadt Irans, besaß zum Zeitpunkt des Angriffs 110000 Einwohner. Zur allgemeinen Verblüffung schleuderte keiner von ihnen den plündernden Angreifern auch nur einen Stein entgegen. Die Menschen von Schiras und Kerman leisteten jedoch, abweichend von den Befehlen des Schahs, den angreifenden Afghanen einen derartigen Widerstand, dass Machmud getötet wurde. Und worin bestand nun das Geheimnis der 230-jährigen Herrschaft der Safaviden-Könige? Es bestand darin, dass sie angesichts des Klerus, den sie als ihren ärgsten Feind betrachteten, beschlossen hatten, selbst die religiöse und weltliche Herrschaft zu übernehmen. So wurden Religion und Regierungsgewalt in dieser Epoche miteinander vereint. Die Staatsreligion verhinderte durch ihre unumschränkte Herrschaft jede Form von Kritik und Fortschritt. Sie schuf damit zugleich die Voraussetzung ihres eigenen Scheiterns.

Je weiter die Zeit voranschreitet, desto deutlicher treten die historischen Parallelen der Islamischen Republik zur Safaviden-Dynastie hervor. Ich behaupte, dass die Safaviden die ersten Besitzer einer Atombombe gewesen wären, hätte es sie zu jener Zeit bereits gegeben. Nicht, um der restlichen Welt in technologischer Hinsicht nicht nachzustehen, sondern um die Welt mit Hilfe der Atombombe zu islamisieren!

Wir mussten erkennen, dass Reformen mit dieser Verfassung unmöglich sind


Je weiter die Zeit voranschreitet, desto größer wird die Entfremdung der islamischen Führung von der Bevölkerung und der gesamten Welt. Einst hingen westliche Intellektuelle und Politiker auf der Suche nach neuen Definitionen von kulturellem Leben, mystischem Denken oder politischer Spiritualität an den Lippen der Führer der Islamischen Republik. Doch bald mussten sie erkennen, dass Chomeini kein neuer Gandhi war.
Auch Chatami konnte kein Gandhi werden. Selbst wenn er es gewollt hätte, er hätte es nicht gekonnt. Wir mussten erkennen, dass Reformen im Rahmen dieser Verfassung niemals möglich sein werden. Heute können auch die westlichen Intellektuellen nicht mehr behaupten, es gäbe noch Hoffnung auf Reformen. Man beginnt uns nun zu glauben, dass dieses Regime die Erfahrungen fortsetzt, die die Welt mit den Taliban, Saddam Hussein, Stalin und Hitler gemacht hat. Jetzt wird kein Journalist in Deutschland mehr schreiben: Achtet nicht auf Abbas Maroufis Worte, er ist ein exilierter Schriftsteller, der aus Protest die positiven Aspekte eines Teils der iranischen Führung nicht anerkennen will. Er sieht alles nur schwarz, aus seiner Sicht gibt es keinen hellen Punkt, und schließlich: Was hat ein Romancier mit der Politik zu schaffen! Selbstverständlich bin ich kein Politiker. Wenn ich über Politik schreibe, geht es mir nicht darum, die Macht zu übernehmen. Ich möchte Schriftsteller bleiben. Die Politik, von der ich träume, kann ich am besten an einem alten Foto erläutern, bei dessen Anblick ich gelegentlich lächeln muss.
Auf diesem Foto geht Willy Brandt einen steilen, staubigen Weg hinauf, neben ihm Günter Grass mit seiner Pfeife und seinem zuversichtlichen Blick. Im Hintergrund kommt eine Gruppe von Menschen, einer von ihnen Gerhard Schröder. Alle gehen sie einen steilen, staubigen Weg, um ihr Land aufzubauen. So definiert sich für mich Politik.
In unserem iranischen Vokabular hat Politik jedoch zwei Bedeutungen: Zum einen ist Politik jede Tätigkeit, mit deren Hilfe man an die Macht kommt, weil man andernfalls zu Gefängnis und Tod verurteilt wird. Zweitens bedeutet Politik züchtigen, foltern, strafen.
Die Islamische Republik hat uns alle streng bestraft. Sie hat sich in ihren 25 Jahren für unsere gesamte Geschichte an uns gerächt. Sie hat sich in alle Angelegenheiten der Bevölkerung eingemischt, selbst noch in der Frage, was man trinken oder anziehen soll. Sie hat die Geschichtsschreibung und die klassische Literatur Irans manipuliert. Sie hat uns das Recht auf freie Meinungsäußerung entzogen. Sie hat die Menschen in Elend und Armut gestürzt, die Demokratie beschnitten, Tausende den Hinrichtungskommandos ausgeliefert. Dabei waren wir Schriftsteller und Journalisten keine Ungläubigen, wir trugen keine Waffen, wir beabsichtigten nicht, die Macht zu ergreifen. Weshalb haben sie dann dieses Verderben über uns gebracht? Was hatten wir anderes getan, als zu schreiben und zu unterrichten?
Vor zehn Jahren schrieb ich in einem Leitartikel, der mir den Schuldspruch der Auspeitschung und Inhaftierung einbrachte: »Ihr habt die Pflicht, die Nacht für die Bevölkerung taghell zu machen, nicht aber, ihren Tag in eine finstere Nacht zu verwandeln… Der Bau von Staudämmen, Brücken und Straßen ist Eure Pflicht. Ihr habt nicht das Recht, dafür vom Volk Dankbarkeit zu verlangen…«
Auch jetzt bin ich der Meinung, dass Politiker keine andere Pflicht haben, außer Straßen zu bauen und steile Pfade zu ersteigen. Weshalb aber wird in Iran das Volk von einer Gruppierung unter Berufung auf eine inhumane Ideologie »politisiert«? Und weshalb wird die Islamische Republik im Laufe der Zeit der Safaviden-Dynastie immer ähnlicher? Vergangene Woche sagte der iranische Parlamentspräsident: »Allein die Tatsache, dass wir aussprechen können: Es gibt keine Freiheit, bedeutet, dass es Freiheit gibt.« Das war’s. Das Volk besitzt die Freiheit, zu sagen, es besitze keine! Und in der vorhergehenden Woche hatte Dschannati, der Vorsitzende des Wächterrats, in seiner Predigt zum Freitagsgebet, dem größten öffentlichen Forum der islamischen Herrschaft, vom Heer der Dschinnen gesprochen, das im Fall eines Angriffs die amerikanischen Streitkräfte vernichtend schlagen würde. Ein anderer erklärte: »Die Atomanlagen werden wir in einem Berg errichten.«
Vor lauter Eifer, nun unbedingt die Atombombe herzustellen, versagen die Regierenden bei der Verwaltung des Landes. Die Atombombe ist in ihrer Logik die moderne Entsprechung zum Geisterheer, das die Angreifer vernichtet. Doch niemand kann den entfesselten Angriff von Inflation, Korruption, Ausbeutung, Drogensucht, Brain-Drain, Niederschlagung der Presse und Hinrichtung der freien Meinung aufhalten. Doch die Pläne der Regierungsspitzen gehen noch über den Bombenbau hinaus. Die Intervention in die inneren Angelegenheiten der Iraker, der Afghanen und Libanesen stehen auf ihrer Agenda. Das Einzige, was für sie nicht zählt, ist Iran und das Schicksal des eigenen Volks. Eine Gruppierung in Baku beabsichtigt, die iranische Provinz Aserbajdschan zugunsten des nördlichen Nachbarn zu enteignen. National Geographic ändert den Namen des Persischen Golfs in »Arabischen Golf«, die Balutschen reden von Abspaltung – und die Regierenden in Iran denken an die Atombombe. Ihr Unverstand und ihre Ratlosigkeit haben dazu geführt, dass Iran zum ersten Tagesordnungspunkt für die Weltgemeinschaft wurde.
Im achtjährigen sinnlosen Krieg Irans gegen den Irak ist die jugendliche Bevölkerung der beiden schiitischen Nachbarländer dezimiert worden. Die Führer beider Länder haben die Bevölkerung und den Reichtum ihrer Heimatländer großzügig vergeudet. In den Rauchschwaden dieses Kriegs konnte es geschehen, dass die Führer der Islamischen Republik die ideologischen Fundamente ihrer Herrschaft in den Hinterzimmern des Geheimdienstes konsolidierten. Die wechselseitige Zerstörung der Jugend und der finanziellen Ressourcen beider Länder war dem Westen damals gerade recht.
Die Spitzen der iranischen Führung sind nicht bereit, ihre Fehler einzugestehen. Sie sind auch unfähig, sich vom Schicksal der Regierungen Rumäniens, Jugoslawiens, Afghanistans und des Iraks belehren zu lassen. Im Unterschied zu diesen Regimes haben sie Zug um Zug die gesamte Welt zum Narren gehalten. Sie haben es vermocht, europäischen Journalisten weiszumachen, sie hätten Verbesserungen bei den Menschenrechten, bei der Wirtschaftslage und bei der Partizipation des Volkes errreicht.
Unsere Heimat ist das Zentrum der Krise. Und die Herrscher halten sich mit Hilfe von Krisen an der Macht, sie schaffen Krisen, um die Spielregeln zu ändern. Das Volk ist müde. Der Strom der Auswanderer nach Europa reißt nicht ab, alle wollen dieser Hölle entfliehen, um jeden Preis. Inzwischen hat der mögliche Angriff der USA dieser Fluchtwelle weiteren Auftrieb verschafft. Die Flüchtlingsheime sind voll von auseinander gerissenen iranischen Familien, die jahrelang auf Gerichtsbescheide warten müssen. Und Europa weiß nicht, wie es mit diesem Problem umgehen soll. Mit einem Wort: Iran ist ein bankrottes Land, das vor einem schrecklichen Dilemma steht, am Scheideweg der politischen, kulturellen oder militärischen Lösung.
Können die Probleme Irans mit Hilfe von politischen Reformen gelöst werden? Dies würde voraussetzen, dass alle politischen Gruppierungen an den Entscheidungen über die Zukunft Irans beteiligt, die Todesstrafe abgeschafft und niemand mehr wegen seiner Überzeugung inhaftiert würden. Ich behaupte, das ist unmöglich. Das iranische Regime duldet weder seine inländischen Kritiker noch die oppositionellen Gruppen im Ausland. Die Islamische Republik duldet nicht einmal seine jungen Weblogger, wie dann die Freiheit von Parteien! Der Führer des Regimes bombardiert sein islamisches Parlament, wie soll er dann ein Volksbegehren akzeptieren? Nein, es gibt keinen politischen Ausweg. Und würden die Herrschenden einen eröffnen, wäre es sicher wieder nur ein Hinterhalt.
Vergangene Woche hat der Führer der Vereinigung Islamischer Koalitionäre an die Terrorakte erinnert, mit deren Hilfe ein Schriftsteller, ein Minis-terpräsident und weitere Menschen vor 50 Jahren eliminiert worden waren – Terrorakte, für die Rafsandschani die Waffen besorgt hatte. Die Bilder der terroristischen Helden wurden ein weiteres Mal in der staatlich gelenkten Presse veröffentlicht.


Wisst Ihr, welchen Preis wir für die Einmischung der USA zahlen mussten?


Kann der gordische Knoten Irans auf kulturellem Wege gelöst werden? Dies würde bedeuten, dass die Verantwortlichen der Zensurbehörde und die übrigen staatlichen Kulturwächter und Verhörbeamten zu ihrem ursprünglichen Gewerbe, der Matratzennäherei, zurückkehren würden. Es würde voraussetzen, dass sich die Presse durch die kritische Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Regierung entfalten könnte. Es würde bedeuten, dass man einen Showmaster nicht mit einem Beil zerstückelt, Redaktionen nicht angreift und Gesetze befolgt. Man müsste davon absehen, Dichter zu erwürgen. Ich behaupte, das ist unvorstellbar. Unvorstellbar, dass die islamische Regierung eine andere Meinung außer ihrer eigenen Ideologie duldet.
Trotz ihrer weltumspannenden Philosophie gleichen die Herrschenden Wegelagerern, für die Land, Volk und menschliche Würde nur Mittel zum Zweck sind. Um ihrer Ideologie willen bringen sie Iran, die Welt und die Menschheit in ernste Gefahr.
Wenn der erste und zweite Ausweg verschlossen bleiben, ist dann ein militärischer Angriff die Ultima Ratio zur Beseitigung der Islamischen Republik? Gegenfrage: Ist der Irak etwa in Ordnung gekommen? Wissen Sie, welch hohen Preis Iran für den Putsch der USA gegen den ehemaligen Premierminister Mossadegh bezahlen musste? Hätten sie sich doch nur nicht eingemischt und uns nicht in diese erbärmliche Lage gebracht! Krieg gebiert Krieg, und Kriegsbrände werden mit Blut gelöscht.
Um die Wahrheit zu sagen, befinden wir uns in einem schlimmen Dilemma. Kein einziger weißer Fleck existiert in den Strukturen dieses Regimes. Es gibt keinen Ausweg mehr. Dieses Skelett wird mit Hilfe des Krückstocks der Europäer aufrechterhalten. Vielleicht können wir von Europa erwarten, dass es für eine Weile auf seine wirtschaftlichen Interessen verzichtet und seine Beziehungen zum islamischen Regime zugunsten der Bevölkerung und der Zukunft Irans abbricht. Das ist der einzige Weg, der einen Krieg verhindern würde.
Der Iraner Abbas Maroufi, 1957 in Teheran geboren, ist einer der wichtigsten Autoren seines Landes. Seine Zeitschrift »Gardun« wurde 1996 verboten. Seit acht Jahren lebt er im deutschen Exil. Sein neuer Roman »Im Jahr des Aufruhrs« erscheint dieser Tage im Insel Verlag.
 Aus dem Persischen von Susanne Baghestani

Posted by Abbas at April 20, 2005 8:11 PM | TrackBack