August 17, 2004

Weshalb habt ihr nicht gekämpft?

Die Zeit,   29.01.2004
"Ihr betenden und fastenden Staatsmänner!" So beginnt ein offener Brief des iranischen Autors Abbas Maroufi an die Reformbewegung, die sich viel zu lange mit dem System arrangiert habe. "Was habt ihr aus dem Islam gemacht? Wozu ist er bei der Staatsführung nütze, außer zu Unterdrückung, Hinrichtung und Blutrache? Habt ihr etwa islamisches Brot, Strom und Wasser, Straßen und Brücken geschaffen? Wozu nützt euer Islam außer zur millionenfachen Auflage von Werken des Aberglaubens aus eurer 'moralischen Apotheke', die rasche Heilung versprechen. Weshalb habt ihr nicht den Mut zu sagen, dass ihr mit der Leiche der islamischen Republik nichts anzufangen wisst und dass ihr sie eigentlich begraben müsst?"

Iran


„Weshalb habt ihr nicht gekämpft?“


Die iranischen Liberalen kuschen vor dem Wächterrat. Offener Brief von Abbas Maroufi an die Reformbewegung


Ihr betenden und fastenden Staatsmänner! In den vergangenen sechs Jahren wart ihr nicht imstande, für Menschenrechte und -freiheiten in Iran zu sorgen. Die Intellektuellen der Welt haben begonnen, iranische Literatur, Filmschaffen und Kunst angemessen zu würdigen. Schließlich haben sie 2003 Shirin Ebadi den Friedensnobelpreis als Schriftstellerin, Anwältin und Menschenrechtsaktivistin verliehen. Dieser Preis ist eine Reaktion auf 25 Jahre Ausbeutung des iranischen Volks durch seine Regierungen. Und nun wollt ihr Shirin Ebadi in eine Anhängerin der Reformbewegung umdefinieren!


In diesen vergangenen sechs Jahren habt ihr die Presse und die Schriftsteller nicht vor jenen Schlägerbanden im Staatsdienst retten können, die wie entfesselte Mongolenhorden auf ihnen herumtrampelten. Nun aber steht uns allen das Internet zur Verfügung, sodass Tausende jetzt in einem Winkel ihrer Häuser schreiben können, was ihnen auf der Seele liegt. Manch einer von euch ist ebenfalls mit einer Website oder einem Weblog gesegnet. Mein Glückwunsch.


In diesen vergangenen sechs Jahren, in denen ihr euch alle darum bemüht habt, dem terroristischen Taliban-Regime der islamischen Republik die Maske von Zivilisation, Kultur und Demokratie umzuhängen, haben sich zahlreiche Journalisten und Intellektuelle Irans und der Welt für euch eingesetzt. Um schließlich desavouiert zu werden, die einen früher, die anderen später.


In diesen vergangenen sechs Jahren, in denen ihr zaghaft und ängstlich regiert habt, hat euch die Schattenregierung der Konservativen durch das Erdrosseln von Schriftstellern und die Unterdrückung der Freiheit in eine so erbärmliche Lage versetzt, dass ihr aus Ohnmacht sogar gezwungen wart, das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen.


Euer Kapitel ist abgeschlossen, ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, und ihr wisst es. Ihr seid in der Defensive und rühmt euch, am Höhepunkt eurer Ohnmacht, eurer großartigen Verdienste und eures Glaubens. Ihr seid sogar bereit, öffentlich zu gestehen, dass ihr zwar betet und fastet, euch aber auch irren könntet.


Was habt ihr getan, dass sich unsere großartige Heimat Iran mittlerweile in eine Dritte-Welt-Ruine verwandelt hat? Dass das geknebelte Staatsvolk für einen Bissen Brot drei Schichten täglich arbeiten muss und dass seine Situation von Tag zu Tag bedrückender wird? Was habt ihr getan, dass bei dem Erdbeben in Bam russische Hilfskräfte rascher vor Ort waren als eure? Dieses Erdbeben hat bewiesen, dass ihr zwar Tausende von „Antimobkräften“ – bezahlten Schlägern – besitzt, aber nicht mal eine Hand voll Sanitäter.


Ihr rühmt euch, gekämpft zu haben – aber gegen wen denn? Den Wächterrat? Weshalb habt ihr keinen Sitzstreik veranstaltet, als sie das Parlament unter Beschuss nahmen, um die unabhängige Presse zu knebeln? Weshalb habt ihr nicht gekämpft, als ihr die Macht dazu hattet?


Wisst ihr, ihr habt kein Gedächtnis. Ihr seid feige. Ihr fürchtet euch vor dem Gefängnis, vor Verhören, vor Einsamkeit und davor, umgebracht zu werden. All das ist euer gutes Menschenrecht. Fürchtet euch also. Die traurige Wahrheit ist aber, dass ihr euch vor allem davor fürchtet, über keine Ämter zu verfügen. Ihr fürchtet euch sogar voreinander, und ihr habt auch die Gesellschaft zur Furchtsamkeit und Doppelzüngigkeit erzogen. Das iranische Volk führt ein Doppelleben; die eine Hälfte zu Hause, die andere in der Öffentlichkeit. Es folgt eurem Vorbild: Vor dem Westen gebt ihr euch als Liberale, und für den Wächterrat vollzieht ihr das Abendgebet.


Heute wirft man euch wie halb verdaute Bissen auf die Müllhalde. Ihr seid am Ende, man braucht euch nicht mehr. Ehe man euch lastwagenweise abtransportiert, werdet ihr euch in eure Hinterzimmer verkriechen und euch selbst beweinen. Ach, würdet ihr doch um die pubertierenden Mädchen weinen, die sich auf den Straßen prostituieren; um die jungen Männer, die die Sucht zu Asche verwandelt hat; um die junge Generation, die Sex, Whisky und Drogen in die Kellerräume verbannen. Unsere Generation ist mit Büchern und Flugblättern in den Untergrund gegangen und musste Hinrichtung oder Exil erleiden, diese Generation geht mit Sex, Whisky und Drogen in den Untergrund.


Ach, würdet ihr doch um die Kinder weinen, die unter den Trümmern von Bam geblieben sind, ihr gläubigen Staatsmänner! Weshalb habt ihr am Tag des Erdbebens nicht Regierung und Parlament beurlaubt und seid Bam nicht zu Hilfe geeilt, um eure Schützlinge aus den Trümmern hervorzuziehen? Wo wart ihr? Sind die Verabschiedungen der Gesetzesvorlagen über den Energiekauf von Turkmenistan wichtiger als die Rettung eines verängstigten Kindes aus den Ruinen?


Was habt ihr aus dem Islam gemacht? Wozu ist er bei der Staatsführung nütze, außer zu Unterdrückung, Hinrichtung und Blutrache? Habt ihr etwa islamisches Brot, Strom und Wasser, Straßen und Brücken geschaffen? Wozu nützt euer Islam außer zur millionenfachen Auflage von Werken des Aberglaubens aus eurer „moralischen Apotheke“, die rasche Heilung versprechen? Weshalb habt ihr nicht den Mut zu sagen, dass ihr mit der Leiche der islamischen Republik nichts anzufangen wisst und dass ihr sie eigentlich begraben müsstet? Weshalb wollt ihr nicht den Forderungen der neuen Generation nachgeben und das Land wieder aufbauen? Fürchtet ihr euch davor, alle Iraner an der Gestaltung ihrer Zukunft zu beteiligen? Wisst ihr, ihr seid die Krücke dieses Leichnams. Diese Leiche wird durch euch aufrechterhalten.


Ständig tönt ihr, dem Land gedient, gebetet und gefastet zu haben. Haben die Schriftsteller und Gelehrten, die man im Evin-Gefängnis ermordet hat, sich etwa weniger abgemüht? Haben sie der Gesellschaft nicht gedient? Weshalb habt ihr dazu geschwiegen? Saß denn die Kerntruppe der Reformbewegung nicht mit im Informationsministerium? Weshalb konntet ihr dann nicht die entwürdigenden Dichtermorde verhindern? Weshalb verschwanden die Akten der Serienmorde an Intellektuellen von 1998?


Liebte ich etwa, der jahrelang als Lehrer und Schriftsteller tätig war und sein Lebtag gearbeitet hat, Iran weniger? Weshalb habt ihr dann weggesehen und zugelassen, dass ich vernichtet wurde? Was unterscheidet euch von den Schergen des Wächterrats? Weshalb habt ihr nicht an dem Tag, als man euer Parlament unter Beschuss nahm und die unabhängige Presse knebelte, um eure eigenen Organe lahm zu legen, einen Sitzstreik veranstaltet oder seid zurückgetreten? Weshalb habt ihr nicht an diesem Tag an die Volksherrschaft gedacht?


Sagt, wo wart ihr eigentlich an diesen Tagen? Woran dachtet ihr? Konntet ihr einen Bissen herunterbringen, als man die Lichter der Zeitungsredaktionen löschte? Konntet ihr nachts ruhig schlafen, als die Gefängniswärter die Köpfe der Studenten in Toilettenschüsseln versenkten? Plagte euch nicht euer Gewissen? Wusstet ihr tatsächlich nicht, dass, was mit der Repression kleiner Zeitschriften wie meiner eigenen, Gardun, begann, mit der Vernichtung von Reformzeitungen enden musste? Ich erinnere mich an die Zeit nach der Revolution, als sämtliche politischen Gruppierungen die Ermordung des Premierministers des Schahs bejubelten, um anschließend selbst kein besseres Ende zu finden. Es ist die ewige Wiederkehr des Gleichen.


Weshalb werden auch während eurer Wahlperiode Beile, Seile und Dolche als Waffen des Terrors eingesetzt? Weshalb schafft ihr nicht die Todesstrafe ab? Weshalb dankt ihr nicht ab, damit diese Ordnung des Terrors einhändig übrig bleibt? Damit dieser Sumpf trockengelegt und wenigstens eure Kinder gerettet werden können.


Ich weiß, dies wird euch schmerzen. Ich schreibe, damit es euch wehtut. Ihr solltet euch aber daran erinnern, dass nur jene Niederlage sinnlos ist, die auf keinem Widerstand beruht. Eure Niederlage besteht darin, dass sich das Volk nicht mehr an eurem Widerstand beteiligt. Ihr seid zugrunde gegangen.


Abbas Maroufi, iranischer Autor und seit 1996 im deutschen Exil lebend, ist beunruhigt, weil der Wächterrat vielen Reformern die Kandidatur zur Parlamentswahl am 20. Februar untersagt. Gleichzeitig kritisiert er die Reformer: Sie hätten sich zu lange mit dem System arrangiert


Aus dem Persischen von Susanne Baghestanim


Posted by Abbas at August 17, 2004 3:37 PM | TrackBack
Comments

عزیز من اون نامی که برای خودت بعنوان حجت الاسلام فا .... انتخاب کردی که حکایت اندکی از مشکل خودت هم ... داره . فکر کنم اول یک سوزنی بخودت بزنی بعدا از راه پسندیده تری جوالدوز به همون ها که حتی هم در همین جهت مشکل دارند.

Posted by: ugdvqh at September 25, 2004 9:02 PM

Herr Maroufi!Glauben Sie mir dass man nichts tun kann sonst befinden wir uns nicht hier in Deutschlnad!!wir können nichts tun ,, Die Regierung ist ein Spiegel der krankhafte Gesellschaft, die nicht erläubt sich zu heilen , wir wollen nicht das akzeptiren weil wir auf unserere undefinierte heterogene Werte stolz sind. Wenn man in der Altezeit gelebt hätte , könnte man an unsere Rettung durch einen Held glauben, ein schöner Traum ,deswegen sind wir geflohen,als Asyl,Immigrant , Student geflohen ,ein schöner Traum in dem ein Held der/die an die Religion nicht sich festhält und nicht an die Freudschaft ,an diese undefinerte Werte, nur für die Leute und Andere sein und alle Werte ihne Ethicketen festbleiben ,aber es ist nur ein Traum.Leider !. es ist wirklich eine Tragödie...eine tiefe Tragödie wenn man diesen Traum der Tag und die Nacht in sich selber trägt aber man kann Nichts tun .man kann Nichts tun,obwohl man will und davon Tag und Nacht träumt .

Posted by: alireza at September 25, 2004 12:25 AM

salam maile man resid????????????

Posted by: kiyanoosh at August 19, 2004 9:25 PM