May 24, 2004

Bericht von Varza` über die Grenzenlosigkeit von Wirklichkeit, Traum und Phantasie

Sonntags gegen zehn Uhr morgens, wenn ich auf der Autobahn nach Hause in die Stadt Berlin hineinfahre, sehe ich auf einer breiten Straße, über die die Autos rasen, einen Jungen mit seinem Roller die Straße überqueren. Ich frage mich, was von ihm übrig bleiben mag, wenn  ein Auto ihn anfährt. Er hat goldene Augen, trägt immer Jeans und wenn er lacht, zieht er die linke Augenbraue hoch. Er stößt mit dem Fuß ab, rollert unbedacht weiter und ich mache mir Sorgen. Die Straße mit ihren vielen Ein- und Ausfahrten zur Autobahn ist sehr breit, belebt und  abschüssig. Ständig biegen Autos ab und verlieren sich inmitten der anderen in der Stadt Berlin, wo auch ich mich jeden Tag verliere. Die ganze Nacht über habe ich gearbeitet und bin müde. Just in solchen Momenten an Sonntagen, wo ich den Jungen mit dem Roller nahe der Kreuzung erblicke, denkt jemand an mich. Selbst seine Stimme höre ich, die mit unterdrücktem Schluchzen zornig sagt: „Ich bin Varza, Sohn des Farshid, Sohn des Lohraseb Hirbod, mein Vater war Schriftsteller und ich bin Schriftsteller.“
Alles geschieht  hinter einem rätselhaften Schleier , wie mit Erde bedeckt, von Staub und Nebel verhüllt, als ob die Menschen aus einer tausendjährigen Erde hervorkämen, sich abschüttelten und
sich voller Lebensdrang und lächelnd auf den Weg machten. Alles ist die ständige Wiederholung von allem.
M. A. Sepanlou,(1) berühmter Denker und Dichter Irans, war während seiner Reise zur Berlin-Konferenz einige Tage mein Gast. Er blieb zwei, drei Nächte bei mir und hatte als Geschenk einen Bericht mitgebracht. Dieser Bericht über ein uraltes Buch nahm mich völlig gefangen, so dass ich viele Nächte danach mit Lesen verbrachte. Verwundert las ich immer wieder, legte mich schlafen, wachte auf, trank Wasser, ging auf und ab;  als wäre ich aus einem tausendjährigen Schlaf erwacht, schwebte ich in einem magischen Raum, in dem Wirklichkeit, Phantasie und Traum grenzenlos ineinander übergingen.
Vielleicht war es auch nichts von all dem.  Ein Märchen, das meine Großmutter erzählte, um die Momente meiner Kindheit zu versüßen. Was weiß ich? Ich dachte, ein Märchen, dessen Figuren ich gefühlt und gesehen habe, kann kein Märchen sein. Entweder ist es Traum oder Wirklichkeit. Phantasie ist es auch nicht, denn wenn eine Jungfrau sich einen irdischen staubbedeckten Mann herbei phantasiert, müsste sie schließlich ein mageres Kind gebären, Jesus ähnlich.(2)

Andererseits ist auch die Wirklichkeit vergänglich. Dies geht so weit, dass selbst die Tatsache einer leidenschaftlichen Begegnung dergestalt in Vergessenheit geraten kann, dass der himmlische Gott selbst sich dieses Missgeschicks bezichtigt, um Unglück abzuwenden..(3)
Was ist geschehen? Warum bin ich so verwirrt, dass ich das Gedächtnis aller als meine Erinnerung betrachte? Sind die Begriffe durcheinander geraten? Ist Wirklichkeit die Phantasie selbst und kann der Traum realer als die Wirklichkeit sein? Setzen die Toten ihr Leben in uns weiter fort? Suchen sie sich je nach Zuneigung und Erinnerung bestimmte Menschen aus? Genügt es nicht , dass der Mensch ein Gegenstand des Mythos wird?
Was hat mich so verwirrt, dass ich die Grenzen nicht mehr wahrnehme?
Warum kann ich mit jemandem, der nur Geschöpf meiner Gedanken ist, so leicht ein Gespräch führen? Ich berühre ihn, mal küsse ich ihn, mal erlebe ich ihn im Traum, in dem er gegen das, was ich geschrieben habe, protestiert..
In meinem neuen Roman habe ich für einen meiner Kommilitonen , der hingerichtet wurde, einen Namen ausgesucht, der seinem wirklichen nicht entspricht. Nach zwanzig Jahren hatte ich den Namen vergessen. Letzten Monat träumte ich von ihm: Er stand vor der Schauspielschule, im grauen Anzug, mit einem Rollkragen, der gut zu seinem gepflegten Schnurrbart passte, einem schräg aufgesetzten grauen Hut und ich war so verwirrt, dass ich nicht wusste, ob es Traum war oder Wirklichkeit. An der Wand das violette Plakat zum Brecht – Stück „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ sprach eher für die Wirklichkeit. Ich ging auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand, wir küssten uns und gingen in ein Café nahe dem Jaleh-Platz. Beim Kaffee – Trinken sagte er : „Ich hieß Farsin, erinnerst du dich? Meine Frau hieß Fariba. Auf dem Hochschulhof spielten wir alle Volleyball. Was dann passiert ist, weiß ich nicht, man hat mich im Juli 1981 hingerichtet und vielleicht zwei Monate später Fariba....“
Er lächelte. „Wie steht es mit noch einem Kaffee?“
Wir tranken noch einen. Als ich erwachte, schmeckte mein Mund nach Kaffee. Man hörte das Martinshorn eines Krankenwagens, die Sonne fiel auf mein Bett und eine heisere undeutliche Stimme erzählte mir in einigen Worten die Geschichte meines Landes: „Ahriman, Haupt der Dämonen, herrscht über die Menschen, der Regen bleibt aus, Armut ist über die Menschen gekommen und in den fünfzig Jahren haben vier Hungerkatastrophen das Land heimgesucht.“
Diese Stimme war die mir vertraute Stimme von Saidi, die Stimme meines Lieblingsautors, gund sie erinnerte mich an Varza, der im 12. Jahr nach der Krönung von Yazdgird aus einem kleinen Fenster alles, was sich auf der Straße abspielte, beobachtet und vor vierzehnhundert Jahren das heutige Leben der Menschen in Iran in Pehlewi-Schrift auf Rehhaut niedergeschrieben hatte.
Sepanlou schreibt in seinem Bericht: „Existiert das Buch von Dr. Noschirawan Djey wirklich? Ein uraltes Buch, das er von Indien nach Iran gebracht und bei seinem zwei bis dreitägigen Aufenthalt in Yazd zum Teil für seinen Gastgeber übersetzt hatte ?.... Im trüben Licht scheint alles verdächtig.
Ist Sepanlou selbst Noschirawan Djey , bin ich sein Gastgeber in der Stadt Yazd? Warum geht ein Bericht des ältesten Schriftstellers meines Landes von Hand zu Hand, bis er schließlich in meine Hände gerät, warum ist das Original unauffindbar? Es heißt, ein Mann namens Dr. Noschirawan Djey habe auf seiner letzten Reise nach Yazd das alte Buch zwei, drei Tage lang für seinen Gastgeber übersetzt und sei dann verschwunden. Wir wissen nichts Genaueres über ihn und auch die Parsen in Bombay wissen nichts von seiner Existenz.
Alles ist verschwommen. Die Schrift Varzas ist der Bericht über die Verzweiflung und den Untergang eines Volkes und wir wissen heute, dass vor eintausendvierhundert Jahren die Araber in Iran einfielen, Männer umbrachten, Frauen und Mädchen missbrauchten und gefangen nahmen, die Kinder auf dem Sklavenmarkt verkauften, Häuser und Ställe plünderten, Bücher und Bibliotheken in Brand setzten. Einundneunzig Jahre herrschten sie in Iran und während dieser Zeit trat der Islam an die Stelle ihrer guten Religion. (4). Viele Iraner wanderten aus, vorwiegend nach Indien. Unter ihnen war ein kleines Mädchen, das ein Buch aus Rehhaut, beschrieben mit Pehlewi-Schrift, an sich presste und nach einem sicheren Ort suchte, um einige Stunden am Tag darin zu lesen. Warum war die reiche Hauptstadt Irans gefallen, wollte es wissen, welches Geheimnis verbarg sich hinter dem Bestand und der Ausdehnung des Reiches der Neuankömmlinge? Was hatte zum Untergang geführt und wie ?
Varza schreibt: „ Sechs Jahre zuvor war ich in Ktesiphon. Die Araber, die über nichts als Kamele verfügten, begingen Plünderungen und mordeten Unschuldige, mit der neuen Religion jedoch übernahmen sie menschliche Eigenschaften, töteten niemanden – außer in Kriegen – beraubten niemanden, folgten den Befehlen ihrer Stammesältesten und verrichteten ihre Gebete in Reih und Glied – wie eine Armee. Während der Kämpfe riefen sie mit lauter Stimme Gott zu Hilfe und Gott half ihnen, uns zu besiegen.“
Dieses Bild, das er zeichnet, leuchtet ein und ist uns vertraut. Der letzte König der Sassaniden war auf der Flucht. Vor Schlaflosigkeit glich er einem Wahnsinnigen. Er flüchtete von Stadt zu Stadt und konnte den Tod nicht finden. Die Gesellschaft befand sich gebeutelt von Elend ppe stieß aund Armut gezeichnet, dem Zusammenbruch nahe, und so bekannten sich die Menschen zu Mazdak, jenem Mazdak, der sich gegen die Unterdrückung durch Hof und Religion erhoben hatte und dafür umgebracht worden war. Seine Anhängerschaft wuchs ständig, aber einen Schutz gab es nicht, die Gesellschaft fiel auseinander. Durch ihre eigenen Anhänger war die gute Religion zu Grunde gerichtet; und die Menschen glaubten, die Ideen von Mazdak brächten ihnen Heil.
Dem wunderschönen Bericht von Sepanlou und historischen Dokumenten zufolge wissen wir, dass der Sassanide Ardeschir, Gründer dieser Dynastie, religiöser und weltlicher Führer war. Sein Testament, bekannt als Vermächtnis von Ardeschir, warnt alle nachfolgenden Könige ausdrücklich , dass die Priester die stärksten Konkurrenten seien, sie als König sollten selbst die religiöse und weltliche Führung übernehmen und die oppositionellen Priester unter dem Vorwand der Erneuerung der Religion unterdrücken. Durch ein entsprecehendes Urteil verlor Mazdak sein Haupt. Das Geheimnis der 400-jährigen Herrschaft der Sassaniden beruht auf der Befolgung dieses Vermächtnisses.
Sepanlou schreibt: „Ich glaube, dass Noschirawan diesem Rat gegen die Mazdakisten folgte. Andererseits aber führte die uneingeschränkte Macht der vom Hof abhängigen Priester, die auf ihrer Macht beharrten und sich gegen jeden Wandel stellten zum Untergang der Sassaniden...Ich möchte daran erinnern, dass historisch gesehen die Herrschaftsideologie der Safawiden den Idealen von Ardeschir sehr ähnelt. Safawiden wie Sassaniden formten und stärkten jene Kräfte, die schließlich ihren Untergang herbeiführten.“
Diese Beschreibung zeichnet das typische Bild der iranischen Revolution. Einer erscheint, einer, dessen Antlitz die Menschen glauben „im Mond gesehen“ zu haben, einer, der Iran zum Paradies macht, von Abhängigkeit befreit, der Gerechtigkeit und Liebe bringt, der die Friedhöfe nicht anschwellen lässt, der das Gehirn der Jugend nicht den Schlangen zum Fraße vorwirft, den Frauen ihre Würde zurückgibt , der die Menschheit nicht sinnlos opfert. Betrachtet man den historischen Hintergrund dieser Gesellschaft, so ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen der Herrschaft der Könige, des Elends, Unglücks und der Zerstörung überdrüssig waren und sich zum Gegenpol, den Lehren von Mazdak, hingezogen fühlten.
Varza schreibt: „Die Menschen haben sich von der guten Religion abgewandt. Einige bekennen sich zu den Lehren von Mazdak und schrecken nicht zurück vor Raub und Mord. Sie nehmen den Männern ihre Frauen weg und der Rest ist ohne Glauben. Sie lügen, bringen sich gegenseitig um, plündern Hab und Gut und beschwören so Gottes Zorn herauf.“
Während der Revolution habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie ein Polizist an einem Baum aufgehängt wurde und sich die Zuschauer über die Leiche hermachten und seinen Mund zerrissen. In einer anderen Straße habe ich beobachtet, wie ein hoher Offizier an einer Mauer mit Messern angegriffen wurde, wie ihm die Augen ausgestochen, Finger und Ohren abgeschnitten wurden. Die Plakate von Stalin, Che Guevara, dem Roten Stern und die weisen Worte von Imam Ali konnten solcherlei Verbrechen nicht verhindern.
An einer Wand stand: „Vergeben ist befriedigender als Rache zu nehmen.“ Der Islam der Zuneigung, der Islam der Gerechtigkeit, der Islam der Vergebung und der Islam der Liebe blühte auf. Aber ein Sandsturm erhob sich. Die Erde bebte. Ihr entstiegen lächelnde Gesichter, die den 1400-jährigen Staub abklopften und das Leben begeistert annahmen. Doch dieses Bild erstarrte, bekam Risse, die Zeit ließ alles schnell zerbröckeln. In den Rissen und Winkeln lauerte der Tod.
Varza saß an seinem Fenster und beachtete nicht das ständige Flehen seiner Frau, doch wenigstens ein bisschen Brot zu sich zu nehmen. Er beobachtete das Morden. Als ob sich nichts verändert hätte. Ein Dichter, der auf dem Weg zum Broterwerb sein Haus verlassen hatte, wurde entführt. Eine Woche später fand man ihn erwürgt außerhalb der Stadt .. Niemand konnte das begreifen, alle waren Vertriebene. Ein Sandsturm kam auf. Jeder flüchtete in eine andere Richtung. Auch Jesus war auf der Flucht. Eine Gruuf ihn und sagte: „Wenn du Sohn Gottes bist, so verwandle die Steine in Brot.“ Er aber wollte nicht, sonst hätte er es gekonnt.
Varza beobachtete das und schrieb: „Alle folgten Ahriman, dem Bösen, zogen das Schwert und töteten unschuldige Menschen. Könige und der Hofstaat brachten ihre Angehörigen um, Söhne töteten ihre Väter, alle folgten Ahriman....“
Dann sah ich einen Mann, mitten auf der Straße von zwei Autos bedrängt. Er lief zwischen den Autos hin und her. Die im Auto rechts riefen ihn zu sich und sagten etwas. Die im Auto links riefen ihn zurück und schrien ihn an. Der Mann war einem Nervenzusammenbruch nahe, sie hatten ihn völlig aus der Fassung gebracht. Er wußte nicht, was tun und lief hin und her. Ein Lastwagen kam die Straße herunter.
Und den Teufel, dem man nachsagt, er sei aus einem Feuer ohne Rauch erschaffen worden und verfüge über grenzenlose Macht, hatte ich vor Jahren gesehen. Jemand, der die gesamten Sünden der Menschheit auf sich geladen hat, um den Menschen von den Qualen der Sünde zu befreien. Auf einer unsichtbaren Mauer stand er, zusammengesetzt aus sechzehn miteinander verschweißten Teilen aus Stein und Metall, fest da. Das Bild glich einem Menschen ohne Kopf und Hand, ähnlich einem Hirtengewand in unglaublichen Dimensionen. Mit eigenen Augen habe ich ihn in der Stadt Mahd gesehen und fieberte einige Zeit vor Verwunderung über den Körper, die Festigkeit und die leuchtende Farbe dieser großen Statue aus sechzehn Teilen. Wer hatte ihr in meinem Traum Gestalt gegeben? Wer war der Schöpfer dieser Statue?
Und dann sah ich ein Mädchen, das auf eine Steinplatte gelegt worden war. Ein Mann peitschte es aus. Er hatte unter seinem linken Arm einen Koran. Mit der rechten Hand schlug er zu. Er schlug fest zu. Ein anderer Mann, der wie ein indischer Yogi aussah, murmelte sich wiegend Gebete und zählte die Schläge.
Das Gesicht des Mädchens lag auf dem Stein und mit jedem Hieb schlossen sich seine Lider. Während des Auspeitschens dachte es nach, dachte an mich und an die bedauernswerte Lage des Mannes, der es schlug. Stärker aber dachte es an mich. Mit meiner Hand fuhr ich durch sein Haar. „Liebste“, sagte ich. Es hatte Schuld auf sich geladen, hatte seinen Freund zu Hause besucht, was beobachtet worden war. Man hatte das Haus gestürmt , es festgenommen, um das Jüngste Gericht und den Tag der Abrechnung an ihm zu vollziehen. Auch der Mann mit der Peitsche dachte nach. Dachte an das Lachen des Mädchens, das erstarren sollte wie flüssiges Blei, dachte an die Augen des Mädchens und glühende Eisenstangen, an brennende Morgensterne, an sein volles Haar.....
Und wieder fuhr ich durch sein Haar und sagte: „Liebste, Liebste.“
Sie sagte:“ Meine Mutter ist Lehrerin, mein Vater Lehrer und ich bin auf dem Gymnasium. Ich habe viel gelesen und bin gut in Mathematik. Ich dichte, spiele auch Gitarre, aber mein Land mag mich nicht. Ich werde dieses Land verlassen.“
Varza, der von seinem Fenster aus alles beobachten konnte, schrieb: „Mein alter Vater, der sich mit zwei meiner Brüder auf die Suche nach meinen Söhnen und nach Nahrung auf den Weg nach Abarkuh gemacht hatte, wurde mit noch vier anderen von Räubern umgebracht, ihre Pferde und Kamele wurden gestohlen. Eine Gruppe von Anhängern Mazdaks raubte die beiden Ortschaften Padin und Tiessang aus und tötete 45 unschuldige Frauen und Männer .... Niemand rächt sie. Mazdakisten haben die Burg von Khurnies umstellt. Niemand kommt zu Hilfe. Das Dorf Ard, nahe der Stadt, ist völlig ausgeplündert. Die Menschen verhungerten und verhungern noch immer. Das Dorf Mobadan, das über acht feste Burgen und zweihundert Krieger verfügt, ist zwar nicht ausgeraubt, aber zu essen gibt es nichts. Die Menschen ernähren sich von Weinblättern und frischem Gras. Viele Dörfer sind zerstört und geplündert. Die Bewohner flüchten in die Städte, wo die Nahrungsmittel knapp geworden sind. Dies alles ist der Zorn Gottes.“
Ich kann mich erinnern, dass auf dem Weg gen Norden zwischen Nur und Babolsar ein armes Paar mit seinem sechsjährigen Sohn am Straßenrand bettelte. Der Vater saß still auf der einen Seite der Straße, die Mutter auf der anderen. Sowie der Vater ein Auto kommen sah, lockte er das Kind rufend zu sich, wenn die Mutter ein Auto sah, rief sie es zurück. Sie haben das Kind so oft hin und her gerufen, bis ein Auto kam und es zum Engel machte.
Das Ereignis war traurig, aber noch trauriger wurde es, als das arme Paar nicht länger vom Blutgeld für den Sohn leben konnte. Beim Kochen weinte die Mutter manchmal so heftig, dass sie nach Atem ringend in den Topf spuckte.
Sonntags morgens gegen zehn Uhr höre ich die vertraute Stimme des Schriftstellers, der an mich denkt. Im gleichen Moment überquert ein Kind mit seinem Roller die belebte Kreuzung. Hoffentlich wird es nicht überfahren. Warum passen die Menschen nicht auf ihre Kinder auf?
Verletzt es nicht ihre Menschlichkeit, wenn eines ihrer Kinder zum Engel wird?
Varza schaute aus dem kleinen Fenster und schrieb: „Ich habe zwei meiner Söhne vor 33 Tagen ins Dorf Abarkuh geschickt, damit sie Nahrung besorgen. Ich habe keinerlei Nachricht von ihnen.“
Der Schah war gestürzt. Er irrte herum. Er war so unglücklich, dass sogar dem Teufel aus Scham für ihn der Schweiß auf der Stirn stand.. Er war krank. Er bedurfte medizinischer Behandlung. Vielleicht wollten die Menschen ihm vergeben und füllten die Wahlurnen mit leeren Stimmzetteln, aber die beschoss er mit Kanonen. Millionen leerer Stimmzettel regneten vom Himmel, die Erde war ganz verschmutzt.
Der herumirrende Schah hatte bei sich ein Testament und stapelte die Leichen zu Bergen. Sunniten tötete er, Schiiten tötete er, die Anhänger von Bab tötete er, Atheisten tötete er, Kommunisten tötete er und Prostituierte tötete er.....Er schleppte sich von einer Stadt zur anderen, doch der tausendjährige Albtraum ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.- Er war der König der Albträume geworden, verhielt sich wie ein Irrer, tötete Dichter.
Nach Aufzeichnungen von Christian Sen war von der Armee des Königs im Jahre 642 nichts übrig geblieben. Die Verteidigung des iranischen Reiches ruhte auf den Schultern von Grenzposten und örtlichen Befehlshabern. Die Araber hatten Hamadan und Rey erobert, dann Aserbeidjan und Armenien. Yazdgird hatte sich bis Isfahan durchgeschlagen und nachdem die Stadt in die Hände der Araber gefallen war, suchte er Schutz in Istakhr. Schließlich fielen auch Istakhr und andere Gebiete in Fars, die als Wiege der Sassaniden-Dynastie galten, an die Moslems. Yazdgird, dem nur noch der Titel ‚Schah‘ geblieben war, zog weiter nach Marv, wo seinem Leben in einer Mühle ein Ende gesetzt wurde. Auf seinem Wege dahin war er auch an Yazd vorbeigekommen, so dass Varza, Sohn des Farshid, schrieb: „Er gab den Befehl, drei Räuber hinzurichten, zu mehr war er nicht im Stande, und zog eilig in Richtung Kerman und Sistan weiter. Man sagte: „Versuch doch in Balkh eine Armee zusammenzustellen, um die Araber zu vertreiben.“ Balkh jedoch hat er nie erreicht.
Es herrschte ein großes Getöse, Sandsturm fegte über das Land. Die Städte zerfielen. Eine beängstigende Dunkelheit hatte sich ausgebreitet. Auf den Kreuzungen schwanden Roller und Jungen dahin. Im Gefängnis schob man einen Schriftsteller von Abteilung zu Abteilung. Vom Informationsministerium zum Revolutionsgericht wurde er immer weiter geschoben. Weit vom Gefängnis entfernt, dort, wo die Straße steil abfiel, überfuhr ein Laster, der lange Zeit gewartet hatte, einen Mann. Der Tod wütete. Durch eigene Schuld hatte die gute Religion sich und die Menschen zum Untergang verdammt. Mazdakisten raubten, die Hungernden schrieen, einige flohen und unter den Flüchtenden presste ein Mädchen ein Buch an seinen Körper, um es eines Tages mir zu übergeben.
Varza hatte seinen Kopf an das kleine Fenster gelehnt und war eingeschlafen. Das Ende seines Berichts aber spielt in einem Bereich zwischen Traum und Wirklichkeit, erstickend durch den Druck der Katastrophe .Neben dem Kratzen seiner Feder ist das Stöhnen Varzas zu vernehmen: „Ich Varza, bin Sohn des Farshid, Sohn des Lohraseb Hiyrbod. Mein Vater war Schriftsteller und ich bin Schriftsteller. 62 Jahre bin ich alt, habe zu Hause Frau und kleines Kind. Geraubt ist mein Hab und Gut, ermordet mein unschuldiger Vater und die zwei Brüder... Verzweifelt bin ich, irre geworden. Erstochen hätt ich mich, wär es in meinem Glauben nicht eine schwere Sünde. Ich weiß, in den nächsten Tage werde ich Hungers sterben oder umgebracht. Eine schöne Schrift habe ich, habe viele Bücher gelesen und Bücher geschrieben. Zwischen die Zeilen meines Religionsbuches und anderer Gebete, die ich vor drei Jahren schrieb, habe ich meinen Bericht geschrieben, mit eigener Schrift, auf dass meine Nachkommen wissen, was mir geschehen ist und für mich beten. Dies sind meine Berichte, im 12. Jahr nach der Kronbesteigung von Yazdgird.“
Ich höre seine Stimme, fühle seinen Puls in meinen Adern, höre seine liebevolle und vertraute Stimme, die sagt: „Auch unter der Erde bin ich besorgt, besorgt um jenen Jungen, der mit seinem Roller über die Kreuzung fährt.“
Paris, 27. Mai 2001

* Deutsche Bearbeitung Pari Rafi

(1) Mohammad Ali Sepanlou, geb. 1940 in Teheran, ist Dichter, Essayist, Literaturkritiker und Mitglied des Schriftstellerverbandes. Er gilt besonders als „Dichter Teherans“, da er sich mit dieser chaotischen Stadt besonders auseinandergesetzt hat.
(2) Joseph ist im Koran unbekannt. Maria hat sich ein Kind herbeigesehnt, das ganz mager zur Welt kam. Dabei denkt man an die Christus Darstellungen am Kreuz.
(3) Es war eine große Schande, ein Kind ohne Vater zu gebären, deshalb hat Gott selbst die Vaterschaft auf sich genommen.
(4) Unter „guter“ Religion ist der Zoroastrismus gemeint.

Posted by Abbas at May 24, 2004 10:45 PM | TrackBack
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