January 16, 2017

An Tabus kratzen

DW

KULTUR.21

An Tabus kratzen - drei iranische Künstler in Berlin

Ihre Werke würden im Iran der Zensur zum Opfer fallen. In Deutschland können sie ihre Kunst realisieren. So gelingt es ihnen, an Tabus zu kratzen. Drei Iraner blicken von Berlin aus auf ihre Heimat - den heutigen Iran.

 
 
 
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January 4, 2017

Iranisch-deutscher Autor Abbas Maroufi

Iranisch-deutscher Autor Abbas MaroufiSchreiben in der Sprache der Träume

Abbas Maroufi im Gespräch mit Andrea Gerk


Iranisch-deutscher Schriftsteller Abbas Maroufi.  (Privat)
Iranisch-deutscher Schriftsteller Abbas Maroufi. (Privat)

Nach zwölf Jahren erscheint der Roman "Fereydun hatte drei Söhne" des aus dem Iran stammenden Schriftstellers Abbas Maroufi auf Deutsch. Er beschreibt darin die islamische Revolution 1979 in seinem Heimatland. Maroufi führt in Berlin Europas größte persische Buchhandlung.

"Die lyrische Literatur hat kein Verfallsdatum", sagt der aus dem Iran stammende SchriftstellerAbbas Maroufi im Deutschlandradio Kultur. "Solche Literatur kann jederzeit veröffentlich werden." Vor zwölf Jahren schon war sein Roman "Fereydun hatte drei Söhne" in seiner Muttersprache Farsi erschienen. Maroufi hatte ihn im deutschen Exil im Internet kostenfrei zur Lektüre freigegeben. Nun hat sein Schriftstellerkollege Ilja Trojanow eine deutsche Übersetzung ermöglicht und das Werk auf Deutsch in seiner Reihe "Weltlese" herausgebracht.


Der iranisch-deutsche Schriftsteller Abbas Maroufi in seiner persischen Buchhandlung "Hedayat" in Berlin. (Privat)Der iranisch-deutsche Schriftsteller Abbas Maroufi in seiner persischen Buchhandlung "Hedayat" in Berlin. (Privat)

Zwei weitere Romane in der Schublade

Maroufi hat noch zwei weitere unveröffentlichte Romane da liegen, die bereits in Deutschland spielen. "Für mich ist das Schreiben wichtig, nicht die Veröffentlichung", sagt der Autor, von dem schon mehrere Bücher in Deutschland erschienen sind. "Ich bin mir sicher, dass eines Tages auch diese Bücher, von denen ich gerade sprach, auch in Deutschland veröffentlicht werden."

Jeder Abend gehört der Literatur  

Maroufi schreibt nach eigenen Worten seit 44 Jahren jeden Abend. "Es ist zwar richtig, dass ich im Alltag meine Gespräche auf Deutsch führe, auch Interviews", sagt er. "Aber die Sprache, in der ich träume, die Sprache, in der ich meine Wünsche mir vorstelle, das ist die persische Sprache." Schon als Kind wollte Maroufi Schriftsteller werden und träumte davon, eine Literaturzeitschrift herauszugeben.

Schreibschule per Internet

Der Schriftsteller sagt, er nehme die literarische Arbeit sehr ernst und könne das nur in seiner Muttersprache verwirklichen. Dank des Internets unterrichtet Maroufi dreimal in der Woche nachts junge Schriftsteller unter anderem in Iran, Afghanistan und Tadschikistan, wie man Romane und Kurzgeschichten schreibt. "Ich bin in Deutschland, aber unsere Literatur ist Farsi."   

Der Weg ins Exil   

Abbas Maroufi wurde 1957 in Teheran geboren, gründete die Zeitschrift "Gardoon" und war ihr Herausgeber, bis er wegen "Beleidigung der islamischen Grundwerte" zu Gefängnis, 20 Peitschenhieben und Publikationsverbot verurteilt wurde. Aufgrund internationaler Proteste wurde das Urteil nicht vollzogen, die Zeitschrift jedoch verboten. Er konnte das Land verlassen und gründete in Berlin die größte persische Buchhandlung Europas "Hedayat" und den Verlag "Gardoon".

Auf Deutsch erschien von ihm unter anderem der Roman Symphonie der Toten, für den er 2001 den Siegfried-Unseld-Preis erhielt. Das gegen ihn ergangene Urteil wurde in Iran bisher nicht aufgehoben.

Abbas Maroufi: "Fereydun hatte drei Söhne"
Weltlese Band 17, Edition Büchergilde 2016
22,50 Euro

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December 27, 2016

Schriftsteller im Gespräch

Schriftsteller im Gespräch: Abbas Maroufi

DW

Seit 20 Jahren lebt er im Exil in Deutschland. Der 1957 in Teheran geborene Schriftsteller betreibt in Berlin eine Buchhandlung. Nach Geschäftsschluss schreibt er Romane. Sein neuester liegt jetzt auf Deutsch vor.


Deutschland iranischer Autor Abbas Maroufi (Sepehr Atefi)

 

Er hat ihn schon vor über zehn Jahren geschrieben, doch erst jetzt ist der Roman ins Deutsche übersetzt worden. "Fereydun hatte drei Söhne" erschien 2005 im eigenen Verlag "Gardoon" in Deutschland - allerdings nur in Persisch. Also in der Sprache, mit der Abbas Maroufi aufgewachsen ist und in der er auch heute noch seine Romane, Kurzgeschichten und Essays zu Papier bringt. "Fereydun hatte drei Söhne" erzählt von einer Familie, die 1979 in die Revolutionswirren nach dem Schah-Sturz und der Machtergreifung der Mullahs hineingezogen wird.

Seit dem aktuellen politischen Umbruch in der Türkei schaut man hierzulande wieder verstärkt auf Schriftsteller, die in ihrer jeweiligen Heimat nicht mehr publizieren können und in Deutschland im Exil leben. Can Dündar ist der derzeit bekannteste Exil-Autor in Deutschland. 

Vergessen wird dabei manchmal, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus anderen Kulturkreisen schon lange bei uns leben. Sie stehen meist aber nicht mehr so stark im Lichte der Öffentlichkeit. Wie eben Abbas Maroufi aus dem Iran. Dabei galt Maroufi schon in seiner Heimat als einer der bekanntesten Autoren seines Landes.

Maroufi: "Ich musste alles lernen"

Deutsche Welle: Derzeit wird ja in Deutschland vor dem Hintergrund der Lage in der Türkei viel über Schriftsteller im Exil gesprochen. Wie ist das mit Ihnen? Ihr neuer Roman ist gerade in Deutsch erschienen. Sie leben ja jetzt schon lange in Deutschland. Wie war das damals für Sie?

Ich bin jetzt 20 Jahre in Deutschland, ich war damals der erste iranische Schriftsteller im Heinrich-Böll-Haus. Diese Einrichtung hat ja eine große Erfahrung im Umgang mit Exil-Schriftstellern. Ich hatte vier Prozesse im Iran hinter mir, wurde zu Peitschenhieben, Gefängnis und einem zweijährigen Publikationsverbot verurteilt. Dann hatte ich die große Chance zur Ausreise, hatte viele Einladungen bekommen, von Günter Grass, von der Buchmesse, von verschiedenen Organisationen. Ich konnte mit dem deutschen Botschafter nach Deutschland kommen. Ich musste eine neue Sprache lernen, mich um Dinge wie einen neuen Führerschein kümmern. Ich beherrschte nicht viel mehr Wörter als "Ich", "Du" oder "Straße". Ich musste erst alles lernen. Das war eine große Erfahrung.


Deutschland iranischer Autor Abbas Maroufi (DW/J. Kürten)

Abbas Maroufi vor kurzem bei der Frankfurter Buchmesse

Aber es war ja nicht nur die Sprache, eine ganz neue Kultur musste erschlossen werden…

Ja, ich musste in Deutschland die "europäische Moral" kennenlernen, ich musste das alles vergleichen mit den Erfahrungen aus meinem Heimatland: Was hatte ich in Iran? Was kann ich hier neues finden? Ich hatte ja auch drei Töchter und eine große Familie, um die ich mich kümmern musste, ich musste arbeiten. Das war damals ein vollkommen neues Leben. In Iran war ich großem Druck ausgesetzt durch den Geheimdienst und durch Pasdaran (die iranischen Revolutionsgarden). 

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich damals sehr bemüht, eine Arbeit zu bekommen, ich wollte nicht vom Geld des Sozialamtes leben, habe dann auch nur zwei bis drei Monate Hilfe von dort bezogen. Die Frau von Heinrich Böll, Annemarie Böll, hat zu mir gesagt: "Herr Maroufi, Sie sind doch sehr mobil, wollen Sie nicht für uns arbeiten?" Ich habe dann ein Jahr im Heinrich-Böll-Haus in Düren gearbeitet, musste Lesungen und Ausstellungen organisieren, habe mich auch um die Arztbesuche von anderen Gästen des Hauses gekümmert. Das war ein sehr wichtiges Jahr damals für mich. Es war auch ein Jahr, in dem ich viel Zeit zum Nachdenken hatte: Ich musste mich völlig neu orientieren, musste schauen, was aus meinem Leben wird. Ich hab dann einen Job in Wandlitz bei Berlin in einem Hotel gefunden, wo ich zwei Jahre im Nachtdienst gearbeitet habe von 9:00 Uhr Abends bis zum frühen Morgen.

Haben Sie damals wieder angefangen zu schreiben?

Damals dachte ich, dass ich im Hotel gut lesen und schreiben könnte. Aber ich habe dann zwei Jahre nicht mehr geschrieben. Dauernd klingelte das Telefon, ich musste mich um die Sauna im Hotel kümmern, um den Whirlpool, um die Küche. Nach diesen zwei Jahren habe ich dann in der Kant-Straße in Berlin eine Buchhandlung eröffnet ("Hedayat", Buchhandlung für persische und orientalische Literatur), die es jetzt seit 14 Jahren gibt. Ich habe einen Verlag gegründet, "Gardoon", für iranische Schriftsteller im Exil, auch für verbotene Bücher, für Romane und Short-Storys aus dem Iran, die dort nicht erscheinen konnten. Wenn Autoren nicht die Erlaubnis bekamen dort zu publizieren, konnten sie mir ihre Manuskripte schicken und ich habe die dann in Deutschland gedruckt. Ein Buch ist für mich wie ein Baum. Ich muss es hier "einpflanzen", eines Tages kann ich es dann vielleicht noch einmal einpflanzen, in die Erde im Iran.

Abbas Maroufi (Privat)

Abbas Maroufi in seiner Berliner Buchhandlung "Hedayat"

Sie sind jetzt seit 20 Jahren nicht mehr in Ihrer Heimat, Sie schreiben aber noch in Ihrer Muttersprache. Wie ist das Verhältnis zwischen Ihrer Muttersprache und dem Deutschen?

Normalerweise ist Farsi ja meine Muttersprache. Ich spreche jeden Tag Deutsch, aber auch Persisch. Ich schreibe auch in Persisch. Jede Nacht schreibe ich meine Romane, seit 40 Jahren.

Und Sie unterrichten auch…

Ich habe viele Studenten in Roman- und Short-Story-Kursen. Die kommen aus dem Iran, aus Afghanistan, Kanada, aus den USA, aus Deutschland, Nepal und den verschiedensten Ländern. Das mache ich dreimal pro Woche. Letztes Jahr hatte ich mit meinen 14 Assistenten 1830 Studenten, die kostenlos unterrichtet wurden in Online-Kursen in einem sogenannten "Massive Open Online Course" (offener Massen-Online-Kurs, kurz MOOC). Wir haben dort rund hundert gute, talentierte Autoren gefunden. Denen bringen wir die Techniken des Schreibens bei. Wir fragen sie: Wie hat ein Ernest Hemingway das gemacht? Wie hat Salinger geschrieben oder wie schreibt Philip Roth? Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Schriftstellern, Tschechow, Dostojewski, auch Heinrich Böll. Und auch ich kann meine Erfahrungen weitergeben.

Buchcover Fereydun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi (Edition Büchergilde)

Sie haben gesagt, ein Buch ist wie ein Baum, was meinen Sie damit genau?

Wir haben ein Sprichwort im Iran. Ein Mann, ein Schriftsteller, ein Mensch im Allgemeinen, ist wie ein Baum: Wenn er in ein anderes Land geht oder eine andere Erde betritt, dann bleibt er dort, schlägt also Wurzeln, oder er stirbt. Ich habe eigentlich immer gedacht, ein Mensch kann kein Baum sein, weil Bäume keine Füße haben und nicht spazieren gehen können.

  Aber dieses Sprichwort hat mich auf Folgendes gebracht: Ein Buch ist wie ein Baum! Wenn ein Buch also in Iran verboten ist, dann können wir es hier einpflanzen, veröffentlichen. Dann warten wir 30 oder 40 Jahre, und dann können wir es vielleicht nochmal einpflanzen in der Heimat. Große Literatur überlebt. - Schauen Sie, Shakespeares "Hamlet" kennt man heute noch. Viele Bücher hat man nach zwei bis drei Jahren vergessen. Aber wirklich gute Literatur überlebt viele Jahre.

Haben Sie da ein Beispiel aus Ihrer Heimat?

Unser großer Schriftsteller Sadeq Hedayat schrieb sein Buch "Die blinde Eule" (in Iran stehen Eulen für die Intellektuellen) in Indien in den 1930er Jahren. Er hat das mit der Hand geschrieben und hat 50 Exemplare als Steindruck herstellen lassen. In Iran war es während der Herrschaft von Reza Schah Palavi verboten und noch heute stößt das Buch in Iran auf Probleme, manchmal darf es gedruckt werden, manchmal nicht. Seine Veröffentlichung ist an die Bedingungen der Zensoren geknüpft. Aber in Iran hat heute jeder diese Eule.

 

Das Gespräch führte Jochen Kürten

Abbas Maroufi: Fereydun hatte drei Söhne, Verlag Edition Büchergilde, in der Reihe Weltlese: Band 17, 298 Seiten, ISBN 978 3 86406 071 7

 

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December 26, 2016

DAS PORTRÄT

Abbas Maroufi, Schriftsteller, Verleger und Buchhändler

Mo 19.12.16 06:10 | 04:55 min | Verfügbar bis 27.12.16 | kulturradio

Die Buchhandlung Hedayat in der Berliner Kantstraße ist die größte orientalische Buchhandlung Europas. Betrieben wird sie von dem iranischen Schriftsteller Abbas Maroufi. Von ihm selbst kennen wir beispielsweise "Fereydun hatte drei Söhne”. - Abbas Maroufi lebt in Berlin im Exil. Julia Riedhammer hat ihn besucht.

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Kantstraße


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December 25, 2016

"Am schlimmsten ist die Selbstzensur"

Interview mit dem iranischen Schriftsteller Abbas Maroufi

"Am schlimmsten ist die Selbstzensur"

Abbas Maroufi, 1957 in Teheran geboren, war einer der angesehensten Schriftsteller im Iran, als er 1996 seine Heimat in Richtung Deutschland verließ. Nur dank der Intervention des deutschen Schriftstellerverbandes PEN und der Fürsprache von Günter Grass gelang ihm die Ausreise. Mit Maroufi hat sich Volker Kaminski unterhalten.

n Ihrem Roman "Fereydun hatte drei Söhne" betrachtet Ihr Held Madjid geradezu zwanghaft alte Familienfotos, die ihn in seine Vergangenheit im Iran zurückführen. Geht es Ihnen selbst manchmal wie Madjid? Sie leben seit zwanzig Jahren in Deutschland – sind Sie noch oft mit Erinnerungen an den Iran beschäftigt?

Abbas Maroufi: Sehr oft kehren meine Erinnerungen zurück, und manchmal schreibe ich sie dann auf. Das kann sehr spontan geschehen: Ich sehe zum Beispiel jemanden am Fenster vorbeigehen und plötzlich erinnert mich diese Person an jemand von damals. Und aus dieser Erinnerung erwachsen weitere Einzelheiten – und diese verzweigen sich dann in hundert weitere Details. Manchmal geht es mir wie dem Ich-Erzähler in Prousts "Recherche", dem bekanntlich eine in Tee getränkte Madeleine das Tor zu seiner Vergangenheit öffnete. Bei mir sind es Farben, Töne oder ein bestimmter Geruch. Erinnerungen sind nie linear geordnet, und genauso ist es beim modernen Schreiben, das etwa im Unterschied zu Balzac oder Flaubert nicht mehr eine singuläre Erzähllinie besitzt, sondern mit Brüchen arbeitet. So erklärt sich auch mein eher assoziativer Erzählstil in meinem neuen Roman "Fereydun hatte drei Söhne".

Wie sehr spiegelt Ihr Roman Ihre damalige Situation wider, als Sie den Iran verlassen hatten? Ihr Held steht vor einem Scherbenhaufen, lebt als Asylant in einer Nervenheilanstalt und ist kurz gesagt ein seelisches Wrack. Doch gleichzeitig lässt ihn der Wunsch nach Rückkehr nicht los. War es bei Ihnen auch so, wollten Sie zurück in Ihre Heimat?

Maroufi: Heimat ist für einen Schriftsteller sehr wichtig, eine dauernde Quelle seines Schreibens, seiner täglichen Arbeit. Ich konnte aber nicht mehr zurück, da ich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt war. Ich kam nur durch Unterstützung von außen, mit Hilfe des PEN-Zentrums, bei dem ich Mitglied war, und durch den persönlichen Einsatz von Günter Grass aus dem Iran frei. Was Madjids Verfassung in meinem Roman angeht, so stellt sie durchaus etwas Typisches dar: Er hat nicht nur seine Heimat verloren, auch seine Arbeit, sein soziales Umfeld: Und so quälen ihn "schlechte Gedanken" - er wird depressiv, fühlt sich erniedrigt, nutzlos, oder er wird aggressiv gegenüber Mitbewohnern in der Heilanstalt. Nur wenn er seine tägliche Arbeit hat, geht es ihm gut.

Madjid erlebt die damalige Zeit der späten 1970er Jahre, die Phase des Umbruchs im Iran, der Schah wird gestürzt, die Islamische Revolution und die Rückkehr Khomeinis verändern alles im Land. Madjid und seine Brüder betätigen sich politisch und geraten mit der Regierung in Konflikt. Sie selbst wurden wegen "Beleidigung der islamischen Grundwerte" zu Peitschenhieben und Gefängnis verurteilt, was dann durch internationale Proteste nicht vollzogen wurde. Für welche politischen Ziele traten sie damals ein? Hatten Sie anfangs Sympathien für die Islamische Revolution?

Abbas Maroufi: "Fereydun hatte drei Söhne", Verlag Edition Büchergilde 2016

Der Roman "Fereydun hatte drei Söhne" schildert die Ereignisse während der Islamischen Revolution von 1979 und erzählt auch die Geschichte einer Familie: Gegen den Willen ihres Vaters politisieren sich in dem Roman alle vier Söhne der Familie Amani und werden zu Verfechtern verfeindeter Lager. Abbas Maroufi verdichtet das Geschehen zu einem beeindruckenden Porträt jener dramatischen Zeit. Der Roman wird zum Spiegel der Revolution.







Maroufi: Seit ich 19 Jahre alt war, war ich Mitglied des iranischen Schriftstellerverbands und arbeitete als Lehrer und Musikmanager. Ich habe mich nicht politisch betätigt, war gerade erst 21 Jahre alt, als der Schah gestürzt wurde. Später wurde mir die Leitung eines Symphonischen Orchesters untersagt und ich gründete die Zeitschrift "Gardoon" (zu deutsch "Himmelsleiter"). Fünf Jahr lang hatte ich um die Erlaubnis für das Erscheinen der Zeitschrift im Iran gekämpft, dann betrieb ich sie etwa sieben Jahre sehr erfolgreich, bis die Redaktionsräume durch die Regierung eines Tages geschlossen wurden und ich zusammen mit anderen Mitarbeitern wegen "Beleidigung der islamischen Grundwerte" angeklagt wurde. Doch ich hatte damals noch Glück, weil ich ausreisen durfte – andere hingegen haben mit ihrem Leben bezahlt.

Sie leben heute als Schriftsteller in Berlin. Haben Sie zu Ihren Schriftstellerkollegen im Iran noch regelmäßig Kontakt? Und was erzählen Ihnen Autoren aus dem Iran über die allgegenwärtige Zensur in der Islamischen Republik? Haben sie sich mit den drakonischen Zensurmaßnahmen arrangiert?

Maroufi: Ich stehe bis heute im regen Austausch mit Schriftstellern, Künstlern und Schauspielern aus dem Iran – teilweise über das Internet, aber auch in Form von persönlichen Treffen. Ich bekomme regelmäßig Besuch von Autoren und Künstlern, dann treffen wir uns in meiner Buchhandlung "Hedayat" in Berlin. Ich selbst kann immer noch nicht in den Iran reisen (das Urteil wurde bis heute nicht aufgehoben) und auch meine neuen Bücher dürfen dort noch immer nicht erscheinen. Doch umso mehr engagiere ich mich für den Verlag, in dem bis jetzt etwa 240 Bücher erschienen sind, überwiegend Bücher von "verbotenen" Autoren aus dem Iran.

Sie sind auch als Schreiblehrer und Universitätsdozent tätig. Woher kommen Ihre Studenten? Sind darunter auch Studenten aus dem Iran?

Maroufi: Ja, ich gebe regelmäßig Kurse und Workshops, hauptsächlich im Internet, und arbeite auch noch mit zwei Assistenten zusammen, die mir dabei behilflich sind. Meine Studenten kommen aber nicht nur aus dem Iran, es sind auch Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern wie Nepal, Kanada oder den USA dabei. Diese Arbeit bedeutet mir sehr viel, denn sie verbindet literarisches Wissen mit der eigenen Kreativität. Die staatliche Zensur ist nicht einmal das größte Übel für einen Schriftsteller, viel schlimmer ist die Selbstzensur, welche die eigene Kreativität behindert. Dies kann sich äußerst blockierend auf das Schreiben auswirken. Es ist wie ein "Stalin im Kopf". Dagegen versuche ich anzugehen und rate meinen Studenten: Schreiben Sie an gegen diese Selbstzensur, indem Sie zum Beispiel auf die Frage reagieren: Was ist Angst? Und dann lasse ich meine Studenten zugleich auch Fotos zu diesem Thema machen. Das ist eine sehr spannende Arbeit!

Das Interview führte Volker Kaminski.

© Qantara.de 2016


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December 24, 2016

Die Revolution frisst ihre Kinder

Iranischer Autor Abbas Maroufi
Die Revolution frisst ihre Kinder

Der im Exil lebende iranische Autor Abbas Maroufi schlägt eine besonders dunkle Seite der Geschichte auf. In gewagten Zeitsprüngen schildert er die iranische Revolution und ihren blutigen Nachgang.
Teile des Romans spielen in der Zeit der iranischen Revolution unter Revolutionsführer Khomeiny. (Bild: Imago)

Teile des Romans spielen in der Zeit der iranischen Revolution unter Revolutionsführer Khomeiny. (Bild: Imago)

Was kommt nach der Sieben? Acht. «Nein, das ist eine grosse Lüge, die wir nicht glauben dürfen. Bis sieben wissen wir Bescheid. Okay. Aber niemand weiss, was nach der Sieben kommt.» Klar, es ist ein Spinner, der hier redet – genauer gesagt ein Insasse der Alexianer-Nervenheilanstalt in Aachen. Und eigentlich hat er gar nicht so viel zu sagen in «Fereydun hatte drei Söhne», dem im Original 2004 erschienenen Roman des Iraners Abbas Maroufi.

Nicht glatt gestrickt

Der Sprung aus der Reihe des Berechenbaren aber passt zu diesem Buch, das nicht minder vielschichtig und eingedunkelt ist als die zuvor übersetzten Werke des seit 1996 im deutschen Exil lebenden Schriftstellers. Der Titel verweist auf eine Episode aus dem Schahname, dem «Buch der Könige», in dem der Dichter Firdausi Ende des 10. Jahrhunderts die mythische Geschichte Persiens gestaltete. Dort teilt König Fereydun sein Reich unter seinen Söhnen auf; Iradsch, der nobelste und demzufolge am reichsten Bedachte, wird von seinen neidischen Brüdern ermordet, was einen neuen Krieg über das Land bringt.

 

Der Fereydun, der dann in Maroufis Buch auftritt, ist kein Fürst, sondern ein Basari – ein Angehöriger der Händler-Elite, die in Iran einigen Einfluss ausüben kann, wenn sie ihr Fähnchen nur schön nach dem politischen Wind hängt. Auch er hat Söhne, die sich in den Haaren liegen, erst vier, dann nur mehr drei. Die Vier, die Drei – die finden sich dann im Sternbild des Grossen Wagens wieder, dem finalen Tableau der traurig-schönen Sage, die den Roman als eine Art Chiffre der ihm eingeschriebenen Kernbotschaft beschliesst.

Abbas Maroufi verwöhnt seine Leser nicht mit glatt gestrickten Erzählmustern, und für ein westliches Publikum liegt die Latte noch etwas höher. So war sein 1998 auf Deutsch erschienener Roman «Die dunkle Seite» eine kunstvolle Variation auf Sadegh Hedayats «Die blinde Eule» – ein Werk, das als Gründungsmanifest der modernen iranischen Literatur gilt und das auch Maroufis Schaffen mitgeprägt hat. Für «Fereydun» wiederum lohnt es sich, vor der Lektüre einen Blick auf die Zeit der islamischen Revolution und ihren blutigen Nachgang zu werfen.

Unter Maroufis übersetzten Romanen ist dies der erste, der sich direkt auf jene Periode einlässt. «Im Jahr des Aufruhrs» (dt. 2005) legte den Handlungsschwerpunkt in die Zeit zwischen 1937 und 1941, wobei der damalige, durch Reza Schah Pahlawi erzwungene Modernisierungsschub nur den vagen Hintergrund für das sinister-surreale Geschehen in einer abgelegenen Provinzstadt abgab. Die «Symphonie der Toten» (dt. 1998) spielt zwischen den vierziger und den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts und ähnelt dem neuen Roman zumindest hinsichtlich der Figurenkonstellation: Auch dort geht es um eine Familie, deren Söhne sich entzweien und einander befehden. «Die dunkle Seite» ragt zwar in die Zeit nach der Ausrufung des Gottesstaats, hat aber eher die Auseinandersetzung mit dem literarischen Vorbild im Blick als diejenige mit der politischen Situation.

Die finsterste Zeit

«Fereydun hatte drei Söhne» führt nun direkt in eine Periode, da die iranische Politik womöglich noch zynischer, brutaler und kafkaesker war als das, was dem Land zuvor unter dem repressiven Schah-Regime und danach unter der endgültig etablierten Theokratie zugemutet worden war. Denn die islamische Revolution war ursprünglich nicht ausschliesslich eine solche: Die Religiösen wurden von säkularen Oppositionsbewegungen wie der kommunistischen Tudeh-Partei, den marxistisch-maoistischen Volksmujahedin und der Nationalen Front flankiert. Bald nach der Revolution begannen Khomeiny und seine Anhänger, die anderen Revolutionsbewegungen wie auch die liberalere Geistlichkeit systematisch unter Druck zu setzen und auszumerzen.

Die Fereydun-Söhne im Roman repräsentieren einige dieser oppositionellen Strömungen. Madjid, der Ich-Erzähler, der mittlerweile in Deutschland im Exil lebt, stand den Kommunisten nahe; sein Bruder Said geriet in den sektenhaften Apparat derVolksmujahedin und starb bei einer grossen bewaffneten Operation, die das Mullah-Regime mit einer rabiaten Massenhinrichtung politischer Gefangener quittierte. Assad hingegen macht Karriere im Repressionsapparat des neuen Gottesstaats und zaudert auch im Familienkreis nicht, mit der Waffe zu fuchteln, wenn jemand sich abschätzig über die Ayatollahs äussert. Wie im Schahname ist es Iradsch, der beste unter den Söhnen, der als Erster stirbt – hier allerdings nicht durch die Hand der Brüder, sondern durch ein Erschiessungskommando.

Iradsch, der sich mit besonnener und durch keine Ideologie verzerrter Konsequenz gegen den Machtapparat auflehnte, ist das ferne, helle Zentralgestirn, um das die anderen Charaktere als wesentlich dunklere Planeten kreisen. Denn Maroufi will mit seinem zwischen Zeiten und Orten irrlichternden, gelegentlich das Surreale streifenden Szenario die iranische Revolution als das abbilden, was sie war: eine bald allen Idealen entfremdete Geschichte von Verwirrung, Verirrung und Verrat.

So verstellen Ignoranz und Eigennutz dem Protagonisten Madjid immer wieder den Blick: wenn er die von ihm gegründete oppositionelle Zeitschrift sofort krepieren lässt, als einmal eine andere Gruppierung als seine eigene die Frontseite beansprucht; wenn er jene Operation der Volksmujahedin, bei der sein Bruder umkam, in Unkenntnis ihrer verheerenden Konsequenzen öffentlich lobpreist; wenn er sowohl die Frau als auch die halbwüchsige Tochter seines an den Rollstuhl gefesselten Freundes beschläft und das Mädchen mit einer Schwangerschaft sitzenlässt. Allerdings verschränkt sich stets die Strafe mit dem Fehltritt; Madjid, einst ein Star der exilierten iranischen Opposition, manövriert sich durch sein Handeln in zunehmende Isolation und landet schliesslich, haltlos und innerlich zerrüttet, in der eingangs erwähnten Nervenheilanstalt.

Mitten ins Chaos

Maroufi nutzt dieses Setting für einige groteske Intermezzi, vor allem aber als Grundierung für seinen zwischen Erzählperspektiven und Zeiten, historischer Faktennähe und surrealer Überhöhung pendelnden Erzählmodus. Der herausfordernde Auftakt des Buches stösst den Leser direkt in Madjids verstörte Psyche, lässt ihn erst einmal taumeln und ratlos nach Halt suchen, bis allmählich die Charaktere und Ereignisse Kontur gewinnen. Aber der Boden festigt sich nie restlos; noch gegen Schluss ist man sich eine Zeitlang nicht sicher, ob die gespenstisch skizzierte Heimreise des Protagonisten tatsächlich stattfindet oder ob es sich nur um eine aus dem Rauch seiner zahllosen Zigaretten gesponnene Phantasie handelt. Leichtverdauliche Kost wird hier nicht geboten. Aber ob's dem Leser nun schmeckt oder nicht: Für seine bittere Geschichtslektion hat Abbas Maroufi die angemessene Form gefunden.

Abbas Maroufi: Fereydun hatte drei Söhne. Roman. Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2016. 298 S., Fr. 31.90.

Neue Zürcher Zeitung

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December 22, 2016

Unter der Glasglocke

Porträt des Autors Abbas MaroufiUnter der Glasglocke

Abbas Maroufi ist einer der bedeutendsten iranischen Schriftsteller der Gegenwart. Seit 20 Jahren lebt er im deutschen Exil. Ein Besuch in seiner Berliner Buchhandlung.

CAROLIN HAENTJES
Abbas Maroufi
Transitraum. Abbas Maroufi in seiner Buchhandlung in der Kantstraße, Europas größtem Laden für persische Literatur.FOTO: MIKE WOLFF 
   In roten Lettern prangt der Name „Hedayat“ über dem Laden an der Kantstraße. Hinter der Tür liegt ein Büchermeer, ein stiller, euro-persischer Transitraum, die größte Buchhandlung für persische Literatur in Europa. Mittendrin, unter den strengen Blicken von Kafka-, Beckett- und Joyce-Porträts an den Wänden, steht Abbas Maroufi.

Freundlich und zurückhaltend wirkt er, mit Blick in seinen nach Irans Meisterautor der Moderne benannten Laden sagt er: „Schon eins von diesen Büchern zu besitzen, könnte einem in Iran das Leben kosten.“ Maroufi selbst führt nicht nur seit 13 Jahren dieses Geschäft, er hat viele der Werke in seinem Verlag Gardun herausgegeben und außerdem einige der lebensgefährlichen Bücher selber geschrieben.

Deswegen sei er vor 20 Jahren geflohen, erzählt er beim Tee in seinem Arbeitszimmer. Abbas Maroufi, 1957 in Teheran geboren, heute einer der bedeutendsten iranischen Exilschriftsteller, gewann schon mit 18 einen landesweiten Kurzgeschichtenwettbewerb und trat mit 19 dem iranischen Schriftstellerverband bei.

Maroufis Literaturzeitschrift wurde verboten

Aber mit der Islamischen Revolution 1979 – Maroufi hatte gerade angefangen, dramatische Literatur zu studieren – wurde plötzlich jede künstlerische Arbeit, die nicht genau den Vorstellungen der Mullahs entsprach, hochgefährlich. Maroufi gründete 1990 trotzdem die Zeitschrift „Gardun“: eine Publikation über Literatur und Zeitgeist, die auch kritische Töne anklingen ließ. Ein langes Leben war ihr nicht beschert. Bald wurden die Redaktionsräume verwüstet, „Gardun“ verboten und Maroufi der Prozess gemacht. 1996 floh er nach Deutschland.

Er landete im nordrhein-westfälischen Düren. Zunächst im Heinrich-Böll-Haus, einer Schriftstellerresidenz, in der es ihm sehr gut ergangen sei. Aber als sich die Familie – Frau und Töchter waren inzwischen nachgekommen – eine eigene Wohnung suchte, machten sie Bekanntschaft mit dem alltäglichen Rassismus in Deutschland: Sie konnten nur in einem verwahrlosten Stadtteil eine Wohnung finden, lebten dort Tür an Tür mit einer Nachbarin, die Maroufis Frau und Kinder wiederholt tätlich angriff.

Der Neustart in Deutschland war hart

So verständnisvoll der Autor heute auf sein Ankommen in Deutschland zurückblickt: Der Roman, den Maroufi damals im „traurigen Viertel“ von Düren geschrieben hat und der jetzt in der von Ilija Trojanow herausgegebenen Reihe „Weltlese“ neu aufgelegt wurde, zeugt von der Verzweiflung jener Tage. Maroufis Protagonist Madjid, vormals ein kommunistischer Revolutionär, ist an seinem Fremdsein im Exil zerbrochen. In der neuen, trostlosen Gegenwart kann er so wenig Halt finden, dass ihm nicht einmal eine halbwegs stabile Realitätswahrnehmung gelingen will. Madjid übermannen die Erinnerungen – an die Heimat, an die Revolution, an die politischen Wirren, die ihn ins Exil trieben.

Manchmal macht er einen Versuch, mit seiner neuen Umgebung in Berührung zu kommen: Dann erhebt er sich von seinem Bett in der Nervenheilanstalt und schleppt sich durch eine westdeutsche Kleinstadtwüste. Er fühlt sich hinter einer gläsernen Wand: Für all das, was seine Welt, sein Leben, seine Identität ausmachte, finden die Menschen hier oft keine treffenden Worte. Wie soll er sich da mit ihnen verständigen können? „Er hörte den Lärm, das Kirchenläuten, Schritte, war unter Menschen und sah alles, spielte aber nirgendwo eine Rolle. Man hatte eine Glaskuppel um ihn errichtet, damit niemand seine Stimme hörte. Nur manchmal fragte ihn jemand mitleidig: ,Woher kommen Sie?‘ ,Iran.‘ ,Irak. Ja, Saddam Hussein.‘ ,Nicht Irak.‘ Wie sehr es ihn schmerzte. Langsam und laut sagte ich: ,Iran. Iran.‘“

Mythen und Archetypen haucht er neues Leben

Ob er auch einmal daran gedacht habe, zurückzukehren, entgegen aller Vernunft, so wie sein Protagonist Madjid? Abbas Maroufi schüttelt vage den Kopf. Er ist berühmt in Iran, sagt er, und gefährlich für das Regime. Sein Roman „Symphonie der Toten“ von 1989 (auf Deutsch 1998 im Suhrkamp-Verlag erschienen) sei zwar verboten, aber trotzdem eine Million Mal verbreitet worden. Aber er gibt zu: „Einmal habe ich auf Facebook gepostet: ‚Ich will zurückkommen‘. Dann habe ich einen Brief voll blutiger Metaphern erhalten. Absender unbekannt. Ich weiß, was das bedeutet.“

Trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt sein Blick gen Iran und in die Vergangenheit gerichtet, zumindest beim Schreiben. Die Figur des Iradsch zum Beispiel, der verlorene Bruder in „Fereydun“, Madjids Gegenüber, sei für ihn die Wiederbegegnung mit einem alten Freund gewesen, der schon lange tot sei. Wie so viele seiner Kameraden. Oft sind sie auch aus seinem Gedächtnis verschwunden, aber wenn er sucht, ist da manchmal wenigstens eine Farbe, ein Geruch, eine Musik ...

Wiederbelebung, darum geht es ihm: Mythen und Archetypen haucht er neues Leben ein und versetzt sie in eine andere historische Gegenwart. Der Roman „Fereydun“ beispielsweise ist die komplexe Wiederaufnahme einer Sage aus dem „Buch der Könige“ von Firdausi – „dem persischen Homer“ aus dem 10. Jahrhundert – und eine Odyssee durch die Weiten des Exil-Schmerzes.

Er glaubt nicht, dass es zur Farah-Diba-Ausstellung kommt

Draußen rauscht der Regen. Als das Gespräch auf die Teheraner Farah-Diba-Sammlung kommt, die eigentlich diesen Monat in der Gemäldegalerie gezeigt werden sollte und die nun wohl im Januar zu sehen sein wird, greift Maroufi nach einem Stück Schokolade und führt mit sanfter Stimme noch einmal seine Wortmächtigkeit vor: „Die iranische Atombombe ist schon explodiert“, erklärt er. In Hiroshima haben sie die Universität ein Jahr geschlossen, in Teheran waren es drei Jahre. Nur wurde die Bombe „Kulturrevolution“ genannt.

Oft sei er an der Rückseite der Teheraner Universität vorbeigelaufen, dort wo die Sammlung der Schah-Witwe unterirdisch lagerte. Ein Massengrab der Kunst sei das da, sagt Maroufi, Symptom der gesellschaftlichen Verstrahlung durch das Regime. Er glaubt nicht, dass es zu der Schau in Berlin kommt, für die noch die Ausfuhrgenehmigung von Präsident Hassan Rohani fehlt. Maroufi würde es jedoch begrüßen, wenn die Meisterwerke auferstehen würden und wieder unter menschlichen Blicken atmen könnten.

 Abbas MaroufiFereydun hatte drei Söhne. Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. Edition Büchergilde, 298 Seiten, 22,50 €.

Am 14. Dezember um 20 Uhr stellt der Autor seinen Roman in der Büchergilde Buchhandlung am Wittenbergplatz vor (Kleiststr. 19 – 21).







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November 10, 2016

PORTRÄT

Berliner Exil: Der iranische Schriftsteller Abbas Maroufi

Eulen in der Kantstraße: Abbas Maroufi lebt in Berlin im Exil, seine ­persische Buchhandlung ist die größte Europas. Jetzt erscheint sein ­Roman „Fereydun hatte drei Söhne“ auf Deutsch. Im Iran ist er verboten

Foto: Privat

 

Foto: Privat

Eulen, wo man hinguckt. Das Arbeitszimmer des Iraners Abbas Maroufi steht voller Eulenfiguren. Eine steinerne stamme aus eigener Handarbeit, sagt der Schriftsteller in flüssigem Deutsch. Natürlich hat es damit eine Bewandtnis. Vor rund 100 Jahren, so Maroufi, sei Sadegh Hedayat, „Irans Kafka“, in der Berliner Kantstraße abgestiegen und hatte die Idee, eine persische Buchhandlung zu eröffnen. Daraus wurde nichts. Aber Hedayat schrieb 1937 den berühmten surrealistischen Roman „Die blinde Eule“.

Über ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2000, kam Maroufi samt Familie nach Berlin, wo er als Nachtportier im Hotel arbeitete, bis er 2003 Hedayats Traum realisierte. Seine persische Buchhandlung in der Kantstraße 76 heißt Hedayat, ist die größte ihrer Art in Europa und steht für Weltoffenheit. Plakatporträts von Hesse, Joyce und nicht zuletzt Kafka zieren die Wände – Autoren, die Maroufi, der hier auch einen Exil-Verlag gründete, geprägt haben. Sein Eulenarbeitszimmer befindet sich in einem Séparée, wo er Gästen Tee serviert. Im Persischen, sagt er, stehe die Eule für den Geistesmenschen. Der habe es im Iran nie leicht gehabt.
Abbas Maroufi wurde 1957 in Teheran geboren und erlebte hautnah die „Islamische Revolution“ von 1979, die bekanntlich die Schah-Monarchie durch das Mullah-Regime ersetzte. 1996 reiste der Erfolgsautor, dem das Arbeiten unmöglich gemacht wurde, aus und wählte Deutschland als Exil – auch, weil sein erfolgreichster Roman „Symphonie der Toten“ damals im Suhrkamp/Insel-Verlag erschien. Allein über die vom deutschen PEN und namentlich Günter Grass unterstützte Ausreise ließe sich ein Thriller schreiben.

Maroufi, der als Herausgeber der kritischen Zeitschrift Gardūn wegen „Beleidigung islamischer Grundwerte“ zu Gefängnis und Peitschenhieben verurteilt wurde – das Urteil blieb unvollstreckt –, hatte Angst vor der Ausreise, Todesangst. Er wäre nicht der erste, sagt er, den man am Flughafen direkt vorm Besteigen des Flugzeugs „abgeholt“, also festgenommen, womöglich exekutiert hätte. Aber der internationale Druck auf die Mullahs war groß und schließlich begleitete der deutsche Botschafter höchstselbst den Dissidenten in die Sicherheit.

Im Iran islamische Grundwerte zu beleidigen ist nicht schwer. „Es reicht, weibliche Körperteile literarisch zu beschreiben“, sagt Maroufi, der dadurch Ärger mit den Zensoren bekam. Als er den Körper einer ägyptischen Göttin statt einer Frau beschrieb, war es plötzlich okay. Maroufi, ein milder, zurückhaltender Mann, lächelt über diese Absurdität. Einige seiner Bücher erscheinen im Iran, andere sind verboten. So etwa sein jetzt ins Deutsche übertragener Roman „Fereydun hatte drei Söhne“, der von den Wirren der nicht eben in Rosafarben geschilderten Revolutionsjahre erzählt.

Der Buchtitel geht auf eine Episode aus dem Nationalepos „Schāhnāme“ des „persischen Homers“ Ferdausi (940-1020) zurück, das in der Hedayat-Buchhandlung auch in deutscher Übersetzung zu kaufen ist. Maroufis erklärtes Vorbild ist der Dichter Nizami (1141-1209), dessen romantisches Epos „Leila und Madschun“ im persischen Raum so bekannt ist wie bei uns „Romeo und Julia“.

Ein Moslem sei er nicht, seine drei Töchter habe er liberal erzogen, antwortet Maroufi auf Nachfrage. In Berlin sei er schnell heimisch geworden. Er fühle sich wohl hier, was auch an seinen deutschen Freunden liege. Vom Fremdenhass der Pegidisten und der AfD bekomme er wenig zu spüren. Seine Gedanken dazu verpackt er in ein Bild: „Im Magen jeder Gesellschaft befinden sich unverdauliche Dinge, die vor sich hin faulen und ab und zu hervorgewürgt werden.“ So sei es auch mit der Revolution im Iran gewesen.
Ob er denn die Angst des Westens, insbesondere Israels, vor einer iranischen Atombombe verstehe? Maroufi winkt ab. Das Wesen des gegenwärtigen iranischen Regimes sei vor allem Fassade, die Atombombe nicht mehr als ein Bluff. Maroufi ist ein kluger Mann. Hoffentlich behält er recht.

Fereydun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi, aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Edition Büchergilde 2016, 350 S., 22,95 €

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October 13, 2016

Abbas Maroufis Roman "Fereydun hatte drei Söhne"

Abbas Maroufis Roman "Fereydun hatte drei Söhne"

Frühstück bei Khomeini

Maroufis neuer Roman ist ein beeindruckend dichtes Panorama einer Teheraner Familie, die in den Wirren der Übergangszeit zwischen Schah-Diktatur und islamischer Revolution zerbricht. Einer der Söhne bezahlt sein politisches Engagement mit dem Leben, während ein anderer, Mitglied der Geheimdienstorganisation Khomeinis, das Todesurteil ohnmächtig hinnehmen muss.
Von Volker Kaminski

Soviel hat Madjid über seine Brüder, die Eltern, die politischen Umbrüche, in die seine Familie hineingeriet, seine anschließende Flucht-Odyssee über Moskau bis nach Deutschland zu erzählen, dass er selbst immer wieder den Faden verliert und abschweift. Er befindet sich an einem sicheren Ort, hat ein Zimmer, trifft alte Weggefährten im Café "Dialog", doch die Erinnerungen sind so übermächtig, dass er nur mit Hilfe starker Medikamente und unter Aufsicht eines Klinikbetriebs leben kann. Seit vier Jahren wohnt er in einer Aachener Nervenheilanstalt, hat zwar als Asylant eine Daueraufenthaltserlaubnis, doch er vermisst schmerzlich eine "gesellschaftliche Identität" und fühlt sich "ausgehöhlt" wie in einem "gläsernen Behälter".  

"Selten ist der Schmerz des Exils (…) so intensiv dargestellt worden wie in diesem Roman" – dem Statement des Herausgebers Ilija Trojanow, in dessen Reihe "Weltlese" das Buch erschien, ist voll und ganz zuzustimmen. Madjid erzählt in einem immer wieder abbrechenden und neu ansetzenden Gedankenstrom, der sich um keine Chronologie schert, was die psychische Zerrissenheit der Hauptfigur auf unübertreffliche Weise widerspiegelt.

Buchcover Abbas Maroufi: "Fereydun hatte drei Söhne"; Quelle: Weltlese 2016, Band 17
"Abbas Maroufi versteht es in seinem Roman, die verschiedenen Erzählperspektiven souverän zu handhaben und schafft so ein faszinierend lebendiges, authentisches Abbild eines gebrochenen Revolutionärs", schreibt Kaminski.

Dem Leser wird dabei einiges abverlangt, denn nicht nur werden die Schauplätze abrupt gewechselt, auch die Erzählperspektive schwankt zwischen Ich- und Er-Erzähler ständig hin und her. Doch Maroufi versteht es diese künstlerischen Mittel souverän zu handhaben und schafft so ein faszinierend lebendiges, authentisches Abbild eines gebrochenen Revolutionärs.

Süchtig nach dem "Duft der Heimat"

Einst ranghohes Mitglied einer marxistischen Gruppierung im Iran, steht Madjid nun vor einem Scherbenhaufen. Mit Hilfe alter Familienfotos, die er in seiner "Ruhmesschatulle", einem kostbaren Fotoalbum mit eisernen Scharnieren, über die Jahre gerettet hat, lässt er als Insasse der Nervenheilanstalt die Vergangenheit Revue passieren und quält sich mit Reue und Verzweiflung.

Dabei ist er insgeheim süchtig nach dem "Duft der Heimat". Doch obwohl eine Rückkehr in den Iran zu diesem Zeitpunkt (erzählte Zeit sind die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts) gefährlich für ihn wäre, lässt ihn sein Heimweh nicht los.

Nach und nach verdichten sich Madjids Erinnerungen und formen das detailreiche Bild eines Familienschicksals, das ohne Pathos auskommt und in seinem zeitgeschichtlichen Realismus umso glaubwürdiger erscheint.

Namhafte iranische Politiker haben darin ebenso ihren Auftritt – es wird sogar ein kurzes, eher unfreundliches Frühstück beim Revolutionsführer Khomeini geschildert –, wie die Mitglieder von Madjids illustrer Familie, angeführt vom geschäftstüchtigen Vater Fereydun, der im Laufe der Handlung einen dramatischen Machtverlust erleidet.

Anfangs ist Fereyduns Stellung als Firmendirektor einer amerikanischen Reifenfabrik in der Teheraner Gesellschaft gefestigt, er schmeichelt sich damit ein Günstling des Schahs zu sein. Die vier Söhne und eine Tochter sind bestens versorgt, doch mit den wachsenden Unruhen, dem Erstarken linker Gruppierungen und dem sich abzeichnenden Aufstieg Khomeinis erhält das Familienglück Risse.

Die Söhne engagieren sich politisch in unterschiedliche Richtungen, Fereydun verliert seinen Job, die Firma wird verstaatlicht, die Autoreifen werden als brennende Barrikaden missbraucht und seine sonst so nützlichen Schlüsselanhänger mit amerikanischem Prägestempel sind wertlos.






Schatten der Vergangenheit

Der iranische Schriftsteller Abbas Maroufi in seiner Buchhandlung Hedayat in Berlin; Foto: privat
Abbas Maroufi, geb. 1957 in Teheran, gründete die Zeitschrift "Gardoon" und war ihr Herausgeber, bis er wegen "Beleidigung der islamischen Grundwerte" zu Gefängnis, 20 Peitschenhieben und Publikationsverbot verurteilt wurde. Aufgrund internationaler Proteste wurde das Urteil nicht vollzogen, die Zeitschrift jedoch verboten. Er konnte das Land verlassen und gründete in Berlin die Buchhandlung "Hedayat" und den Verlag "Gardoon".

Dass ein Teil der Familie sich mit dem neuen Regime arrangiert, der ehemalige Generaldirektor seine Fahne nach dem Wind hängt und mit Khomeini frühstückt und sich daraufhin auch beruflich wieder zu erholen beginnt, nutzt ihnen nichts. Der älteste Sohn, der nichts getan hat als in einem unliebsamen Theaterstück mitzuspielen und ein paar Flugblätter zu verteilen, wird Opfer staatlicher Gewalt. In einer längeren, erschütternden Szene wird die Exekution Iradschs und der heimliche Abtransport seiner Leiche ins Familiengrab geschildert, was alle – vor allem die Mutter – für immer traumatisiert.

In seinen endlosen Erinnerungsschleifen lässt sich Madjid immer weiter zurücktreiben, doch zu spät erkennt er, dass seine Aktivitäten und die seiner Brüder nach Iradschs Tod nichts als hilflose Reflexe "rachsüchtiger Raubtiere" gegen ein übermächtiges Regime waren. So lautet sein Fazit entsprechend lapidar: "Wir waren verwirrt und verführt, ziellos, entzückt über das Brechen und Brennen und wussten nicht, was wir wollten." Auch die Rückkehr in den Iran, die er wie in einem Fiebertraum bei einer nächtlichen Autofahrt durch die Türkei erlebt, bringt ihm nicht die erhoffte Erlösung.

Ein Lob gebührt der Übersetzerin Susanne Baghestani, die dem komplexen Schreibstil und der großen Wortgewandtheit Maroufis auf bewundernswerte Weise gerecht wird. Die Ruhelosigkeit des Entwurzelten, die Synchronizität der verschiedenen Lebensstationen, die sich im ständigen Hin und Her seiner Gedanken spiegelt, lässt auch den deutschen Text vibrieren und verleiht ihm einen selten so erlebten artistischen Klang. Ein packendes Leseabenteuer!

Volker Kaminski

© Qantara.de 2016

Abbas Maroufi: "Fereydun hatte drei Söhne", Roman, Verlag Weltlese 2016, Band 17, herausgegeben und mit einem Vorwort von Ilija Trojanow, aus dem Persischen von Susanne Baghestani, 298 Seiten, ISBN 978-3-86406-071-7

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June 22, 2013

Zensur im Iran...

Abbas Maroufi, 
Zensur im Iran. Der Bankrott des Verlagswesens

Buchtage Berlin 
Eröffnung, Berliner Congress Center (bcc) 
Donnerstag, 20. Juni 2013 

 

[Drei Mal wurde der Iran im Laufe seiner Geschichte vernichtend geschlagen: Erstmals durch Alexander den Großen, dann durch die Araber und schließlich durch die Mongolen. Bei diesen Angriffen wurden Bücher in so weit reichendem Ausmaß verbrannt, dass kein Buch verschont blieb, kein Text überliefert wurde und die kulturelle Bindung des jeweils betroffenen Volkes an seine Vorväter, an seine Vergangenheit abriss.

 

Auch wenn es kaum zu glauben scheint, ist es wahr: Seit der Iran eine islamische Republik ist, seit 33 Jahren also, erleidet das Buch ein Schicksal, das noch viel verheerender ist als die Bücherverbrennungen von einst. Die Kulturbeauftragten des islamischen Regimes haben in jeder Amtszeit nach eigenem Belieben und Geschmack in die Literatur eingegriffen und sie zerstört. Viele Bücher werden zensiert, ,frisiert’, manipuliert.

Wurde Zensur in den Anfängen noch im stillen Kämmerlein und mit leisen Tönen ausgeübt, so geben die zuständigen Beamten nun schon seit Jahren offiziell und unverblümt ihre Anweisungen. Zensur, Streichungen, Kürzungen haben das Verlagswesen im Iran in den Ruin getrieben. Ich kenne Verleger, die auf die Druck-Erlaubnis für über einhundert Titel warten. Altgediente Verlage, deren gesamtes Vermögen auf dem Spiel steht, weil es von derlei Genehmigungen abhängt.

Auf der jüngsten internationalen Buchmesse in Teheran, im Mai 2013, waren wissenschaftliche Verlage und Ayatollahs vertreten. Den meisten traditionsreichen Verlegern war die Teilnahme an der Buchmesse untersagt worden.

Die vom Geschmack der Herrschenden geprägte Zensur hat das Verlagswesen im Land vernichtet. Die Zensur erstreckt sich sogar auf Papier. Denn das Monopol auf dessen Import und Verkauf hat der Sohn des Landesführers. Es gab Zeiten, in denen Papier rationiert war. Damals traten 7.000 Personen offiziell dem Verleger-Verband bei. 7.000 Leute wurden zwar Verleger, verlegten aber keine zwei Bücher pro Jahr. Sie haben einfach nur ihr Papierkontingent auf dem freien Markt verkauft und sind Millionäre geworden.

 

Man löst etwas aus der Gesellschaft heraus. Das fängt damit an, dass man Kunstobjekte und Skulpturen von Plätzen in Großstädten entfernt. Es geht weiter mit Eingriffen in die Werke von Schriftstellern und Dichtern und macht auch vor den Klassikern nicht Halt, mit denen Leben und Seele der Iraner seit Jahrhunderten eng verbunden sind. Alle, alle treten sie von der Bühne ab, verschwinden entweder ganz von der Bildfläche oder werden durch Zensur und Manipulation bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

 

Die Kampfmaschinerie der islamischen Machthaber hat keine Augen, sie sieht nichts, und sie hört auch nichts, außer dem grauenvollen, ohrenbetäubenden Lärm ihres eigenen Räderwerks. Tagein tagaus ist sie unterwegs, sammelt alles ein, was mit Kultur und Literatur zu tun hat und entsorgt es. Vor wenigen Monaten erst wurde eine uralte christliche Kirche in der Stadt Kerman nachts dem Erdboden gleichgemacht.

Das islamische Regime vertritt in erster Linie die Auffassung, dass Künstler und Kulturschaffende zur Unterstützung und Bestätigung der Herrscher da sind. Andernfalls haben sie sich Unannehmlichkeiten und Einschränkungen aller Art selbst zuzuschreiben. So unterschiedlich die islamischen Regime waren, die das Land in den letzten 33 Jahren jeweils verwaltet haben, so unterschiedlich war auch ihre Politik der Zerstörung von Kunst und Kultur.

 

In der Amtszeit von Haschemi Rafsandschani, deren Opfer ich, neben anderen war, wurden Zeitungsverlage in großem Stil geschlossen. Einmal entzog man mir zusammen mit 47 Kollegen die Verlagskonzession, ein andermal schlug man mein Büro kurz und klein, und nach der Verleihung eines Literaturpreises in den Geschäftsräumen meiner Zeitschrift Gardoon fing man mich abends ab und verprügelte mich bis in die frühen Morgenstunden.

Zu guter Letzt wurde ich im Winter 1996 als Autor und als Herausgeber  einer Zeitschrift zu Peitschenhieben und einer Haftstrafe verurteilt, man erteilte mir Schreibverbot und entzog meinem Verlegerverband die Lizenz, für immer. Am Tag der Urteilsverkündung sagte mir einer der Geschworen ins Gesicht: „Außer Gardoon werden wir noch hundert andere Zeitschriften verbieten.“

Dieses oder ein ähnliches Schicksal teilten damals viele Kollegen mit mir. Huschang Golschiri, der berühmte iranische Autor, sagte mir damals: „Ich hab meinem Mörder schon drei Mal ins Gesicht gesehen.“ Damals begannen die Serienmorde, und damals brachten Untersuchungsrichter uns Schriftsteller um unser Leben. Ali Akbar Sa‘idi Sirdschani, Lyriker, Hochschulprofessor, Koran-Übersetzer, kam in jener Zeit im Gefängnis durch Kalium-Zäpfchen um.

 

In der Amtszeit von Khatami wurde zwar viel publiziert, und es herrschte scheinbar relativ viel Freiheit. Doch die Zensurmaschinerie fuhr fort mit ihrem Werk, sie überrollte ein Buch nach dem anderen. Die Regierung sah sich hohem Druck ausgesetzt und hatte in Sachen Zensur besondere Strategien auf Lager. Es kamen viele Bücher auf den Markt, und es wurden viele Filme gemacht - doch die Zensurbehörde konnte oder wollte man nicht schließen. Man übte Zensur mit zarter Hand, zog Bücher mit einem Lächeln aus dem Verkehr oder verhängte diverse Einschränkungen. In jener Zeit wurde auch einer meiner Romane verboten. Dennoch herrschten damals bessere Zeiten als heute.

 

Mit dem Amtsantritt von Mahmud Ahmadineschad kam der Rückschritt in die Anfangszeiten der Revolution. Zurück in die Zeiten von Chaos, Schlachtrufen und einprägsamen Parolen. Damals wurde die Lüge zur Kunst erhoben. Der Präsident log in aller Öffentlichkeit. Der Revolutionsführer log, die Minister logen, Lügen auf allen [Fernseh]-Kanälen. Und in diesem Lügen-Wirrwarr wurde das Land in die Irre geführt. Verlogene Worte, verlogene Taten. So fuhr der Präsident zum Beispiel zur Eröffnung einer Autobahn; die Zeremonie wurde gefilmt, es wurden schöne Fotos gemacht. Doch bald stellte sich heraus, dass man nur fünf Kilometer Straße angelegt hatte, um der Bevölkerung vorzugaukeln, man arbeite - für sie.

 

Auch das scheint unglaublich, doch die Wahrheit ist, dass die jetzige Regierung die Vorgänger-Regierungen, trotz gleicher Prägung, nicht anerkennt. Unter Ahmadineschad hat das Ministerium für Kultur und islamische Führung, Wezârat-e Erschad - das unter früheren Regierungen gleicher Prägung bestimmte Bücher erlaubt hatte -, diese Bücher erneut unter die Lupe genommen und viele davon verboten.

Verleger sagen, dass sie, um die Druck-Erlaubnis für ein Buch zu bekommen, zunächst die von der Vorgänger-Regierung erteilte Genehmigung zurückgeben und unter Umständen jahrelang auf eine neue Lizenz warten müssen.

Mein Verleger im Iran sagt, man habe die 41. Ausgabe der Symphonie der Toten verboten. Das Buch liegt seit zwei Jahren druckfertig bereit, doch das Erschad verweigert die Erlaubnis zur Auslieferung. Diese Situation hat nicht nur Nachteile. Wer gute Beziehungen zum Erschad hat, druckt verbotene Bücher und verkauft sie auf dem Schwarzmarkt.

So unermüdlich die Schriftsteller und Verleger in den letzten Jahren auch aktiv waren, ihre Mühe war vergebens. Obwohl die Regierung Ahmadineschad den Kurosh-Zylinder von London nach Teheran geholt hat, der oft als die erste Menschenrechts-Charta bezeichnet wird, trotz aller Fotos von diesem denkwürdigen Moment, trotz all ihres Geredes von Iranität und Kultur, trotz all ihrer schönen Worte ist sie die Regierung, die der Literatur und der Kultur des Iran den verheerendsten Schlag versetzt. Nie zuvor wurden Kunst und Literatur so nachhaltig unterdrückt wie heute.

In den acht Jahren, die diese Regierung nun im Amt ist, passiert es in Großstädten wieder und wieder, dass nachts Bulldozer anrollen und schweres Gerät zum Einsatz kommt, um Skulpturen aus ihren Verankerungen zu reißen und sie an unbekannten Orten verschwinden zu lassen. Tags darauf stellt man sich regelmäßig ahnungslos. Jedes Mal scheinen hier Marsmenschen am Werk gewesen zu sein. Viele dieser Wahrzeichen sind Statuen berühmter Persönlichkeiten aus der Geschichte des Iran. Auch die von Arasch, dem Bogenschützen, der einst in einem Krieg mit einem einzigen abgeschossenen Pfeil die Grenzen seines Landes festgelegt hat.

So wie die Regierung Ahmadineschad des nachts Hand anlegt, um Werke von Bildhauern zu zerstören, kümmert sich sein Minister für Kultur und islamische Führung Tag und Nacht um die Streichung und Zensur literarischer Werke. Ohne Unterlass. Mit aller Kraft und allem Eifer. Folglich haben in den letzten Jahren im Schatten dieser Ereignisse tausende und abertausende Schriftsteller, Lyriker, Maler, Bildhauer, Musiker und Journalisten den Iran verlassen. Und viele weitere suchen nach Fluchtwegen ins Ausland, das weiß ich.

In den vergangenen zwei Jahren haben über zweihundert Buchhändler im Iran den Beruf gewechselt. Verleger gingen bankrott, Buchhändler mussten ihr Geschäft aufgeben, Schriftsteller sind frustriert und gereizt.

 

Vor Jahren habe ich in Berlin einen Verlegerverband gegründet, um die Werke iranischer Autoren im Exil zu verlegen. Schon seit Jahren aber erreichen mich hauptsächlich Werke junger Autoren aus dem Iran selbst. So bin ich zum Verleger von Nachwuchs-Autoren im Iran geworden. Weil man ihnen in der Heimat die Erlaubnis zur Veröffentlichung verweigert, weil sie sich der Zensur nicht unterwerfen, Eingriffe in ihre Texte nicht hinnehmen wollen, bringen sie ihre Werke im Ausland heraus.

Laut Erschad gilt: Wer ein Buch vorlegt, das von der Zensurbehörde geprüft werden muss, muss damit rechnen, dass man seine Verlagslizenz für drei Monate suspendiert. Das macht viele Verleger gezwungenermaßen zu Handlangern der Zensoren, indem sie aus Angst vor wirtschaftlichem Schaden Druck auf ihre Autoren ausüben.  So ist Selbstzensur unter Schriftstellern und Verlegern inzwischen an der Tagesordnung, normal.

 

Politische Nachrichten finden heutzutage ihren Weg ins Land, auch durch das kleinste Schlupfloch noch. Was aber nicht ins Land gelangt, worauf die Menschen keinen Zugriff haben, weil man ihnen sämtliche Wege versperrt hat, das sind Literatur und Kunst.

Nach Aussage iranischer Verleger bekommen über 5.000 Bücher, meist schöpferische Werke, schon seit Jahren keine Druckerlaubnis mehr. Die für Kultur zuständigen Beamten der Islamischen Republik haben es nicht nur auf die zeitgenössische Literatur abgesehen. Ihnen sind seit Jahren auch die Klassiker der iranischen Literatur ein Dorn im Auge. Mal vergreifen sie sich an einem über tausend Jahre alten Werk und schreiben es um. Mal verbieten sie ein Werk gleich ganz. Oder sie machen den Verleger zu ihrem Werkzeug und legen ihm nahe, einen Text wunschgemäß anzupassen.

Von einem Verleger verlangten sie zum Beispiel, Laili und Madschnun umzuschreiben, den berühmten Liebesroman des großen Dichters Nizami Gandschawi, der seit achthundert Jahren nicht nur unsere Literatur- sondern auch unsere Kulturgeschichte prägt.

In Anbetracht all dessen konnte ich letztes Jahr nicht umhin, dem Vertreter der iranischen Zensurbehörde auf der Frankfurter Buchmesse zu sagen: „Es wird nicht mehr lange dauern, dann zensieren Sie auch den Koran noch.

Im Koran wird ein Ereignis mit Joseph fast wie eine Romanze geschildert: Suleika nähert sich dem jungen, attraktiven Joseph so stürmisch, dass der die Flucht ergreift. Dabei reißt sein Hemd im Rücken, und Suleika behält einen Fetzen Stoff aus dem Gewand in der Hand. Joseph flieht.

Während ein diktatorisches Regime Intellektuelle, Schriftsteller, Kulturschaffende zu Rückzug, Isolation und Schweigen zwingt, wünscht sich das totalitäre, insbesondere das islamisch geprägte Regime Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler, die ihm gehorsam und beflissen zu Diensten sind. Die oberste Parole gibt natürlich der Revolutionsführer aus. Ayatollah Khamene’i ist sehr daran gelegen, regierungstreue Dichter persönlich zu empfangen. Und so gibt er sich mehrmals im Jahr die Ehre, um deutlich zu machen, was er von ihnen erwartet: Lobeshymnen auf die Regierung. In einer solchen Runde forderte er beispielsweise: „Sprechen Sie für die Revolution. Rücken Sie die Revolution ins rechte Licht. Das ist heute die Pflicht eines jeden Dichters …“

 

In jener Runde bezeichnete er die Dichter und die Lyrik aus der Zeit der Revolution als die größte Epoche der Dichtkunst in der iranischen Geschichte. Dieser totalitäre Führer weiß um den Nutzen von Dichtkunst und Erzählung. Er weiß sehr wohl, dass Gesicht, Ansehen, Schaffen und Wirken seiner Regierung nicht in Geschichtsbüchern besungen werden, sondern dass die Literatur haarklein von ihren Verdiensten berichtet und sie der Nachwelt überliefert. Er weiß nur zu gut: Wer über den Umgang der Politiker oder der Polizei mit den Menschen etwas erfahren will, oder über die Speisen, die Farben der Kleider, die Lebensweisen der Russen, der schaut nicht in Geschichtsbücher, sondern liest die Romane von Dostojevski und Tschechow. Und weil der Revolutionsführer das so genau weiß, fallen ihm auch Romane und Erzählungen in viel größerer Zahl zum Opfer als andere Bücher.

Über meine Schreibwerkstätten an Universitäten in den USA, Kanada und Europa schrieb die regierungsnahe Tageszeitung Keihan: „Abbas Maroufi hat eine kulturelle Nato ins Werk gesetzt.“ In einem Interview mit dem Sender BBC habe ich darauf geantwortet: „Ja, hier wird mit allen Mitteln gekämpft. Ich habe eine kulturelle Nato ins Leben gerufen, um die Studenten meines Landes Schreiben zu lehren.“

Die in der Ausrottung der Buchkultur ihres Landes, im Verbot tausender Zeitungen und Zeitschriften, in der Vertreibung tausender Intellektueller, Kultur- und Literatur-Schaffender und in der Schließung hunderter Buchläden ihre größte Errungenschaft sehen, sind auch die, die einst mit großen Worten von Kulturrevolution und Freiheit angetreten waren.

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Aus dem Farsi von Jutta Himmelreich]


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June 17, 2013



Der Iraner Abbas Maroufi in seiner Buchhandlung Hedayat in Berlin.
Foto: Privat

LITERATUR

Nimmermüder Regimekritiker: Abbas Maroufi

20 Peitschenhiebe sollte der iranische Autor Abbas Maroufi bekommen. Das war vor 17 Jahren - seitdem lebt er in Deutschland und leistet literarischen Widerstand. Für die iranischen Machthaber ein Ärgernis.

"Hedayat. Haus der Kunst und Literatur" steht zweisprachig über dem Eingang der Buchhandlung. Der Laden in der Kantstraße in Berlin Charlottenburg ist das größte iranische Buchgeschäft in ganz Europa. Quer an Buchregalen und der Buchmanufaktur vorbei kommen Besucher schließlich zu einem kleinen Raum mit Regalen. Das ist der Arbeitsplatz des Autors Abbas Maroufi. Hier, wo er jeden Abend schreibt, erzählt er bei einem Glas Tee seine Geschichte, die mit einem Abschied beginnt und bis heute bestimmt wird vom nimmermüden Widerstand gegen die Machthaber im Iran.

Die iranische Flagge weht im Wind. Im Iran wurde Abbas Maroufi gefoltert und verurteilt.

Abbas Maroufi, 1957 in Teheran geboren, war einer der angesehensten Schriftsteller im Iran, als er 1996 seine Heimat in Richtung Deutschland verließ. Als Herausgeber der Zeitung "Gardun" hatte er die politische Unfreiheit im Land und die kriminellen Machenschaften der Regierung angeprangert und war daraufhin zum Tode verurteilt worden. Später wurde das Urteil umgewandelt in "nur" 20 Peitschenhiebe, sechs Monate Haft und Publikationsverbot. Aufgrund der Intervention des deutschen Schriftstellerverbandes PEN, vor allem dank der Fürsprache von Günter Grass, gelang die Ausreise.

In Deutschland musste er von vorne anfangen

Abbas Maroufi spricht leise, ohne Aufgeregtheit in der Stimme, über die Vergangenheit. Deutschland sei ihm zu einer neuen Heimat geworden, sagt er, doch es ist eine komplizierte Beziehung zu dem neuen Zuhause. Der Exilant schreibt weiter auf Persisch, zwar beherrscht er auch das Deutsch, aber die fremde Sprache geht ihm schwerer über die Lippen. Im Iran hatte der Autor ein breites Stammpublikum, in Deutschland musste er ganz von vorne anfangen.

Im Insel Verlag sind einige seiner Bücher in Übersetzungen erschienen, seine jüngsten Romane aber hat er im eigenen Verlag auf Persisch herausgebracht. In dem Roman "Ganz besonders", den es nur auf Persisch gibt, erzählt er von einem iranischen Journalisten und Physiker, der in Berlin lebt. Es ist vielleicht sein wichtigstes, jedenfalls sein persönlichstes Buch - "ein Roman über Exil, über Liebe, über Einsamkeit".

"Es ist noch trauriger"

Eine Hand wirft einen Wahlzettel in eine Wahlurne.
(Photo credit PATRICK BAZ/AFP/Getty Images) Die Präsidentschaftswahlen im Iran finden am 14. Juni 2013 statt

Die Proteste der Grünen Bewegung hat die iranische Regierung unbeschadet überstanden. Nichts sei besser geworden im Iran, im Gegenteil, meint Abbas Maroufi, dessen Bücher in der früheren Heimat allesamt verboten sind: "Es ist noch trauriger. Die Farbe der Politik ist schwarz. Es gibt keinen weißen Punkt."

Abbas Maroufi ist kein Agitator, kein Rebell, er hat etwas vornehm Zurückhaltendes. Und doch ist er für die heute Mächtigen im Iran ein Ärgernis. "Ganz egal, was in der Politik passiert, ob diese Regierung oder eine andere an der Macht ist. Wir müssen immer neue Bäume einpflanzen, das ist unsere Aufgabe." Das bedeutet für ihn, "jeden Tag 14 Stunden zu arbeiten". Ein gewaltiges Pensum, denn Abbas Maroufi versteht sich selbst zwar vor allem als Schriftsteller, aber er ist auch Buchhändler, Verleger, Lektor, Drucker und Lehrer.

"Wir sind gezwungen, im Ausland zu leben"

Der Iraner Abbas Maroufi in seiner Buchhandlung Hedayat in Berlin.
Foto: PrivatMaroufis Buchhandlung "Hedayat" in Berlin

Aus der Traurigkeit ist Literatur geworden. Abbas Maroufi hat nicht resigniert, er hat sein Leben, so wie es ihm aufgezwungen wurde, angenommen. "Alle Fenster sind offen zum Iran", sagt er und erzählt von engen Kontakten zu anderen iranischen Schriftstellern, von Studenten im Iran, mit denen er über das Internet kommuniziert, von seinem Unterricht an Universitäten in Kanada und den USA. "Im Iran zu leben, ist sehr schwer. Viele Schriftsteller sind im Ausland, viele möchten ausreisen. Alle haben ständig Probleme mit der iranischen Regierung". Es gebe mehr als fünf Millionen Iraner in der Fremde. "Wir haben keine andere Wahl, wir sind gezwungen, im Ausland zu leben. Wenn unser Land uns einmal wieder liebt, kommen wir zurück." Am 14. Juni finden im Iran Präsidentschaftswahlen statt. Gebraucht werde nach seiner Ansicht ein Mann, der zu einer Brücke wird für diejenigen, die weggegangen sind.

Ein solcher Mann ist nicht in Sicht. Aber deshalb aufgeben? "Man lebt nur durch die Hoffnung", sagt Abbas Maroufi. Wer wüsste es besser als er.

http://www.dw.de/nimmerm%C3%BCder-regimekritiker-abbas-maroufi/a-16844375

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January 8, 2012

Kultur im Iran

2011 — ein höllisches Jahr für Kunst und Kultur im Iran

Nachrichten über den Kampf der iranischen Regierung gegen alles „Unislamische“ seien im Jahr 2011 im Schatten des Atomkonflikts untergegangen, so der in Berlin lebende iranische Schriftsteller und Verleger Abbas Maroufi. In seinem Gastbeitrag für TfI schreibt er: Iranische Kulturschaffende und Künstler durchlebten zurzeit „eine schreckliche Hölle“.

Abbas Maroufi

 

Wir beginnen das Jahr 2012 mit einer riesigen Wut gegen die für Kultur Verantwortlichen im Iran. Eine der letzten Nachrichten zum Thema Kultur im Iran aus dem Jahr 2011 lautete: Mehr als 100 Teheraner Buchhandlungen mussten schließen. Dafür gibt es viele Gründe: Gefragte Bücher sind vergriffen und werden nicht mehr verlegt. Die Buchpreise werden ständig erhöht – was hauptsächlich auf der ständigen Erhöhung der Papierpreise beruht. So bleiben die Kunden weg. Zudem werden Buchhändler von Sicherheitsbeamten schikaniert. Viele Buchhandlungen mit Café-Betrieb mussten ihre Cafés auf Druck von Sicherheitskräften schließen. Orte, die unbeaufsichtigt von den Moralaposteln als Begegnungsstätten für Jugendlichen dienen könnten, sind nicht genehm.

In der Nachricht über die Schließung der Teheraner Buchhandlungen stand auch, dass die berühmten Bücherzeilen der iranischen Hauptstadt mehr und mehr von Juwelieren und Bekleidungsgeschäften okkupiert werden.

Bücher im Exil

Im Jahr 2011 gehörten solche Meldungen zur Normalität; ebenso wie die Nachricht, dass das iranische Kulturministerium die Veröffentlichung von mehr als 5.000 Büchern ganz verbot. Herausgeber und Schriftsteller wissen schon, wann es keinen Sinn mehr hat, auf dessen Erlaubnis zu warten. Viele Schriftsteller entschließen sich deshalb, ihre Werke im Ausland zu veröffentlichen. Bald werden in den persischsprachigen Buchhandlungen unserer Exilländer Bücher zu sehen sein, deren Schöpfer im Iran leben. Bis jetzt sind sozialkritische Autoren ins Exil gegangen – nun gehen ihre Bücher ins Exil. Dieses Phänomen ist an sich nichts Neues: Man denke an Bulgakov, der das Gleiche tun musste. Doch dass Schriftsteller sich gleich kollektiv entscheiden, im Ausland zu veröffentlichen, ist neu – und eine nationale Katastrophe, die 2011 im Iran begonnen hat.

Die Statue des mythologischen Bogenschützen Arash in Sari verschwand in einer Nacht.

Die Statue des mythologischen Bogenschützen Arash in Sari verschwand in einer Nacht.

Auch viele Schauspieler, Regisseure und Filmemacher blieben im Jahr 2011 zuhause und machten keine Filme mehr. Denn die Zensur lässt Filmschaffenden keine Luft zum Atmen. Zugleich wurden bekannte Gesichter aus der Literatur– und Filmszene davon abgehalten, auf internationalen Bühnen oder Podien zu erscheinen. Die bekannte Dichterin Simin Behbahani etwa, 2011 zum Tirgan-Kunstfestival in Toronto eingeladen, durfte nicht daran teilnehmen. Sie sagte mir, dass ihr Pass eingezogen worden sei und sie deshalb nicht ausreisen konnte. Behbahani schickte eine Video-Botschaft an die Festival-Teilnehmer und entschuldigte sich für ihre Abwesenheit.

Offene Zensur

Die Verantwortlichen im Ministerium für Kultur und islamische Führung des Iran ermahnten die iranischen Schriftsteller 2011 ganz offiziell, beim Schreiben „die vorgegebenen roten Linien“ zu beachten und so zu schreiben, dass sie eine Erlaubnis zur  Veröffentlichung auch erhalten würden. Es wird also immerhin mit offenen Karten gespielt und nichts mehr versteckt. In früheren Jahren wurden die Zensurrichtlinien den Herausgebern nur mündlich mitgeteilt, um nach außen den Schein zu wahren. Heute gibt es sie offiziell.

Vom antiken Denkmal zum Parkhaus

Im gesamten Kulturbereich ist die Bilanz der Verantwortlichen für das Jahr 2011 schändlich. In einigen Städten Irans wurden Statuen vernichtet oder versteckt. In der Stadt Sari verschwand die Statue des mythologischen Bogenschützen Arash, die auf einem Wagen mit vier Pferden stand, in einer Nacht. Die Behörden wollen damit nichts zu tun gehabt haben. Die Fassadenmalereien zu den mythologischen Geschichten des großen iranischen Epos Schahname in Meshed wurden über Nacht mit Farbe überdeckt. Nachrichten über Zerstörungen alter Gebäude wie etwa einer kunstvollen öffentlichen Badeanstalt aus der Zeit der Safaviden (1501–1722), die in ein Parkhaus verwandelt wurde, oder die Nachricht vom nächtlichen Abriss einer alten Kirche in Kerman, gingen im Schatten des Atomkonfliktes unter.

Dabei sind die Verantwortlichen des islamischen Regimes anscheinend mehr als je zuvor entschlossen, alle kulturellen und historischen Verbindungen zur nichtislamischen Vergangenheit zerschneiden zu wollen. Sie schrecken vor nichts zurück. Selbst literarische Denkmäler wie das 1.000 Jahre alte Buch „Khosro und Shirin“ des großen iranischen Dichters Nezami blieben nicht verschont. Der Herausgeber wurde angehalten, die Liebesszenen aus dem Werk zu entfernen! Das ist die ideologische Bekämpfung der iranischen Kunst und Kultur. Zu Recht sagen die iranischen Kulturschaffenden und Künstler also, dass sie zurzeit eine schreckliche Hölle durchleben.

von Abbas Maroufi

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